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Krise der Germanistik? : Wir Todgeweihten grüßen euch!

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Dieses Befremden muss man in der täglichen Lehre aushalten. Sicher wünschen wir uns manchmal, dass die Orientierung derjenigen, die ein Studium der Germanistik beginnen, ein wenig klarer respektive ihr Wunsch ein bisschen ausgeprägter wäre, sich auch durch solche Texte zu beißen, die auf den ersten Blick fremd, absonderlich und von heutigen Wahrnehmungsgewohnheiten her gelesen nicht direkt spannend sind. Die Literaturgeschichte ist voll davon, und der „Like“-Daumen zuckt da nicht überall sofort in die Höhe. Und selbstverständlich erfordert es einen gehörigen Spreizschritt, die akademische Lehre zu gestalten zwischen Studierenden mit ganz unterschiedlich ausgeprägten Interessen, Kompetenzen und Berufszielen.

Heraus aus dem Korsett der Nationalisierung

Vom Grundschullehrer über die angehende Chefredakteurin, von der kommenden Wissenschaftlerin bis zu (leider auch das) durchaus begabten jungen Leuten, die sich erst einmal durch unbezahlte Praktika bis zur prekären befristeten Stelle zu quälen haben, weiter mögen wir da erst mal gar nicht träumen. Und natürlich brechen auch nicht wenige ihr Studium ab. Damit sind meist Prozesse verbunden, die für diese jungen Menschen krisenhaft sind und wo einiges an Kommunikation und Beratung am Platz ist. Ist es da wirklich hilfreich, wenn der „Spiegel“ diese Klientel in Wort und Bild dem Verlachen preisgibt? Da sehen wir einen jungen Mann vor den Bücherreihen der Frankfurter Bibliothek: mit Kappe, mit Handy, mit Knopf im Ohr - Goethe nebendran scheint grün angelaufen vor Gram. Oder nehmen wir den saudämlichen Schlussmonolog über Schiller als Komponist oder irgend so ’n toten Goethe - ist das wirklich die Realität, die Doerry sorgfältig recherchiert hat? Oder verlässt man sich da auf comedyartiges Bashing von Schwachen, soll ja vorkommen, auch im Qualitätsjournalismus?

So oder so, auf absehbare Zeit wird es dazu kommen, dass die Zahl derer, die sich für dieses Fach entscheiden, sinkt. Das ist eine wenig überraschende Entwicklung, es sind in unmittelbarer Nachbarschaft andere Disziplinen entstanden, im deutschen Sprachraum zu großen Teilen als Ausgründungen der Germanistik: Kulturwissenschaft, Film- und Medienwissenschaft, Digital Humanities. Eine der wichtigsten Impulsgeberinnen im Konzert der Geisteswissenschaften ist die Germanistik nach wie vor. Sie steht, wie andere Disziplinen, vor der Herausforderung, ihren gewaltigen Fundus an Dichtungen und Ideen aus dem Korsett der Nationalisierung, dem sie ihre fachliche Entstehung im Gefolge der deutschen Romantik verdankt, herauszuführen. Mit multiplen Wirklichkeiten in globalen Bezügen verändert sich ihre Referenz, die nicht mehr so ohne weiteres nationalphilologisch einzuhegen ist.

Sensibel für menschliche und kulturelle Komplexitäten

Sie vermittelt überdies, geschult an literarischen Texten, eine Vielfalt an kulturellen Kompetenzen, die heute wichtiger denn je sind. Das ist zuvörderst ein spezifisches Wissen in Fragen der Form. Solche Fragen stellen sich nicht mehr nur mit Blick auf die ästhetische Tradition, sondern gerade angesichts einer durch und durch ästhetisierten Lebens- und Konsumwelt. Sie kann den Blick für Fiktionalisierungen und ihre strategischen Einsätze öffnen, auf die wir nicht nur in der Kunst, sondern vielleicht verstärkt auch in der politischen Wirklichkeit treffen.

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