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Krieg in Syrien : Hunger als Waffe

Einige Hilfskonvois sind da, die Nahrung reicht für einen Monat. Dann wird es wieder eng in Madaja. Bild: Reuters

Unsere Diskurse um Fluchtursachen und Einzelfallprüfung machen uns blind für einfachste Tatsachen: In der eingeschlossenen syrischen Stadt Madaja werden Kinder angeschossen, weil sie vor lauter Hunger Gras sammeln.

          3 Min.

          Wie sich orientieren? Was ist mit Bildern und Geschichten, die uns nicht mehr aus dem Kopf gehen? Für die sich keine Worte finden, mit denen sie sich beschreibend wegpacken ließen? Die sich in der dampfenden Deutungsmaschinerie nicht abfertigen lassen? Und wie sind solche das Herz zerreißende Bilder und Geschichten mit den vielen anderen Bildern und Geschichten zu vereinbaren, den wichtigen und wichtigtuerischen jedes Tages, die abwechselnd unsere Wahrnehmung besetzen? Blicken wir nicht längst nur noch „im Hinblick“ auf? Droht in den sozialpsychologischen Dynamiken, die unser Land im Augenblick zerreißen, nicht jedes Ereignis in seine Bezüge zu zerfallen? Wer möchte bei all den Metadiskussionen, die uns im Griff haben, schon noch von nackten Tatsachen reden? Von Bildern und Geschichten, die elementar wären?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          „Ich komme aus Madaja“, sagt das ausgemergelte Mädchen, geschwächt, auf der Seite liegend, in Decken gehüllt. Im „heute journal“ vorgestern abend wird ihr Name eingeblendet: Khaled Eissa. „Was ist los mit dir?“, fragt der Fernsehreporter. „Ich habe keine Kraft mehr“, sagt das Mädchen, langsam und ohne Regung. „Warum?“ wird sie gefragt. „Ich habe lange nichts mehr gegessen“, sagt das Mädchen. „Seit wann?“ möchte der Reporter wissen. „Seit sieben Tagen. Ich habe nur Wasser bekommen“, sagt das Mädchen.

          Hunger als Waffe eingesetzt

          So sieht das aus, so hört es sich an, wenn Hunger als Waffe benutzt wird. Wenn wie in Syrien Assads Regierungstruppen, die verbündete Hizbullah-Miliz und oppositionelle Rebellen die syrische Zivilbevölkerung als Faustpfand nehmen, sie einkesseln in Orten wie Madaja, Fua und Kefraya, sie dort aushungern, bis nur noch Katzen, Insekten, Gras und Erde gegessen werden können. Etliche sind auf diese Weise schon verhungert, bevor jetzt die ersten Lastwagen eines Konvois Hilfsgüter bringen durften, nach monatelangen Verhandlungen, die die Hilfsorganisationen mit den Machthabern führten.

          „Wir haben wieder und wieder versucht, eine Genehmigung von den verschiedenen Konfliktparteien zu bekommen“, erklärt Jane Howard vom UN-Welternährungsprogramm in dem Beitrag, die den Konvoi begleitet. „Seit Dezember haben wir mindestens zehn offizielle Anfragen gestellt. Aber in diesem Krieg wird Hunger als Waffe eingesetzt. Die Belagerer haben uns einfach nicht durchgelassen. An manchen Orten ist es die eine Gruppe, an anderen eine andere.“ Die jetzt endlich gelieferten Lebensmittel werden für 80.000 Menschen einen Monat lang reichen. Wenn sie aufgebraucht sein werden und neue Hilfe wieder nicht ankommen darf, sinkt die Überlebenschance für Khaled Eissa mit jedem Tag. Im Abspann des Beitrags sagt der Moderator: „Die Lastwagen fahren rein, sie fahren wieder raus, die Belagerung geht weiter.“ Das muss man wissen, wenn man die gesehenen Bilder, die gehörten Geschichten richtig verstehen will. Auch Herzen reißen nicht ohne Worte.

          Die Situation ist ein Albtraum

          Zu solchen Worten zählen auch jene, die gestern morgen im „Deutschlandfunk“ von Melissa Fleming, Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks, zu hören waren. Sie sei froh, dass diese Bilder jetzt um die Welt gehen, weil nur durch solche Bilder, die nicht aus dem Kopf gehen, die Welt aufwache. Es sind unsere Sehgewohnheiten, die diese Bilder gleichzeitig verstellen und zum Sprechen bringen: Wenn man, so die Sprecherin, diese Kinder so sehe, die seit Tagen nichts zu essen bekommen hätten und die, wenn keine Lieferung gekommen wäre, gestorben wären, dann erst komme Politik in Gang. „Ich habe gerade gesehen, dass im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen darüber diskutiert worden ist. Ich glaube, es muss jetzt viel mehr politischen Druck auf die Parteien geben, dass es Waffenstillstände geben muss im ganzen Land, dass Organisationen wie meine, wie das Rote Kreuz, das Word Food Program, dass wir überall liefern können, nicht nur dort, wo es relativ Sicherheit gibt.“

          Und dann sagt Melissa Fleming im Rückblick auf die Stadt Madaja noch dies: „Es gibt Minen, es gibt Fälle, wo die Leute erschossen worden sind, als sie versucht haben wegzugehen, nur, um Essen zu suchen. Nur, um Gras zu sammeln, hat ein Kind neulich zwei Beine verloren. Die Situation ist ein Albtraum.“

          Unser Albtraum ist, dass wir solche Albträume nur in abgeleiteten, von der Deutungsmaschinerie erhitzten Kategorien wie Fluchtursachen, Einzelfallprüfung und Kriminalitätsstatistik wahrzunehmen gewöhnt sind. Unser Albtraum ist, dass wir auf diese Raster angewiesen bleiben, soll „Syrien“ uns überhaupt betreffen können. Und damit auf Raster, die die Wirklichkeit zugleich unwirklich und politisch machen. Nur so wird sie handhabbar. Einer Wirklichkeit, die unmittelbar zu Gott wäre, lässt sich vielleicht die Theodizeefrage abgewinnen, aber keine Nahrung für Khaled Eissa.

          Unser Albtraum ist, dass wir „Flüchtlingspolitik“ sagen müssen, wenn das Herz begreifen will: In Madaya hat ein syrisches Kind zwei Beine verloren, weil es Gras sammeln wollte.

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