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„Wieder ein Krieg in Europa?“ : Denen rutscht doch das Herz in die Hose

  • -Aktualisiert am

Wer zu viel Kriegsangst hat, denkt bei Tannenbäumen gleich an russische Jagdflugzeuge, wie sie im Mai über der Krim aufstiegen. Bild: Reuters

Jüngst veröffentlichten bekannte Persönlichkeiten dieses Landes den Aufruf „Wieder ein Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ Dieser Appell führt in die Irre. Er ist auf Putins Russland fixiert und blendet die Ukraine fast völlig aus.

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          Friedensappelle sind ja eigentlich immer zu begrüßen. Problematisch werden sie erst, wenn ihren Verfassern die nackte Angst die Feder führt oder den Texten überkommene Denkmuster zugrunde liegen. Im Aufruf „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ (Wortlaut im Kasten am Artikelende), initiiert vom ehemaligen Kanzlerberater Horst Teltschik und von der einstigen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, kommt beides zusammen. Das Resultat zeugt von einer grotesk verzerrten Wahrnehmung der Realität und einem beunruhigenden Geschichtsbild.

          Die Furcht vor einem großen Krieg zwischen Russland und dem Westen quillt vom ersten Absatz an aus jeder Zeile dieses Textes. „Unausweichlich“, so heißt es darin, treibe man auf einen bewaffneten Großkonflikt zu, wenn es nicht zu einer Kursänderung komme: „Die Menschen in Europa müssen wieder Angst haben.“ Müssen sie das? Anfang der achtziger Jahre sorgten sich die Menschen, weil beiderseits des Eisernen Vorhangs Dutzende neuer Atomraketen stationiert wurden. Heute reicht schon ein Übungsflug russischer Fernbomber über dem Atlantik, damit deutschen Intellektuellen das Herz in die Hose rutscht. Mit geringerem Einsatz ist wohl noch kein Land ins Bockshorn gejagt worden.

          Im Osten der Ukraine

          Die Autoren des Aufruf sind so in ihrer Angst vor einem möglichen Krieg mit Russland gefangen, dass sie mit keinem Wort auf den ganz realen Krieg eingehen, der nun schon seit Monaten im Osten der Ukraine wütet. Verharmlosend und ganz abstrakt spricht der Text von der „Ukraine-Krise“, als gehe es immer noch bloß um Demonstrationen oder die Frage der Regierungsumbildung. Im Donbass aber sterben täglich Menschen.

          Der Aufruf schweigt aber nicht nur über den gegenwärtigen Krieg in der Ukraine, er blendet das Land und seine Bürger auch in historischer Perspektive komplett aus. Im gesamten Text wird die Ukraine überhaupt nur zweimal erwähnt, der große Nachbar hingegen ganze zehn Mal. Eine ebenso bemerkenswerte wie vielsagende Gewichtung. Ohne die Versöhnungsbereitschaft „der Menschen Russlands“, so heißt es etwa, wäre die Spaltung Europas nicht überwunden worden. War die Versöhnungsbereitschaft der Weißrussen oder Ukrainer denn gänzlich unbedeutend? Und hat „Hitler-Deutschland“ 1941 tatsächlich nur „Russland“ überfallen, wie die Autoren schreiben, oder musste die Wehrmacht dafür nicht zumindest zwei weitere Sowjetrepubliken durchqueren?

          Das russische Opferkonto

          De facto werden mit solchen Formulierungen Kernpunkte der russischen Propaganda übernommen: Diese sieht nicht nur in der Ausdehnung des Moskauer Herrschaftsbereichs nach Mitteleuropa den gerechten Lohn für die sowjetischen Kriegsanstrengungen gegen Deutschland, der Kreml schreibt darüber hinaus die ukrainischen Toten des „Großen Vaterländischen Krieges“ kurzerhand dem russischen Opferkonto gut, um sie sodann gegen die heutigen „Kiewer Faschisten“ in Stellung zu bringen. Vor diesem Hintergrund fragt man sich, wen die Verfasser des Aufrufs eigentlich im Sinn haben, wenn sie klagen: „Leitartikler und Kommentatoren dämonisieren ganze Völker, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen.“

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