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Kopftuch-Debatte : Ziehen Sie dieses Symbol aus!

Sieht so eine unterjochte Frau aus? Sophia Loren wusste den Effekt der dezenten Verhüllung zu schätzen. Bild: ddp Images

Das Kopftuch zeugt von der Unterdrückung der Frau, da sind sich viele sicher. Für die vielschichtigen Motive der Trägerinnen bleibt da kein Platz. Was für eine Anmaßung!

          6 Min.

          Neulich ist mir die Jungfrau Maria erschienen, in der heiligen Stadt Köln, im Frühstücksraum eines Hotels, in welchem normalerweise keine Heiligen übernachten, sondern Sünder wie wir, Journalisten, Fotografen, Geschäftsleute. Es war der Morgen nach einer Hochzeitsfeier, der Kopf war schwer und müde, der Blick ging zur Kaffeetasse, deren Inhalt Besserung versprach, und als ich doch aufschaute, saß sie am Tisch gegenüber, eindeutig die heilige Maria, sanft und schön, ein mildes Lächeln im Gesicht, und ihr Schleier war so perfekt, er hätte auch Michelangelos Pietà gut gestanden, oder einer von Giorgiones Madonnen. Ich starrte sie ungläubig an, bis mir bewusst wurde, dass das unhöflich war. Und erst als ihr Mann, der eindeutig nicht der heilige Josef war, sich zu ihr setzte, war ich bereit, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Dame am Frühstückstisch nicht die Muttergottes, sondern eine Tochter Arabiens oder der Türkei sein musste, eine Frau nahöstlicher Herkunft, die das Stück Stoff, welches ihren Kopf bedeckte, eher nach venezianischer als nach anatolischer Mode trug.

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Man muss aber keine verkaterten Visionen haben, man braucht auch kein Forschungssemester Kunstgeschichte, um sich daran zu erinnern, dass die Sitte, vom Haupthaar höchstens den Ansatz zu zeigen, keine morgenländische und schon gar keine muslimische Erfindung ist. Die Herren bedeckten ihren Kopf mit Mützen, Kappen, Hüten, die Damen trugen Hüte, Hauben, Tücher, so war das üblich auch im Abendland, bis, um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts herum, die Mode aufkam, barhäuptig zu gehen. Und wie bei so vielen Traditionen war die Begründung, wenn es je eine gab, verlorengegangen, weil jeder dieses Verhalten als selbstverständlich empfand. Man fühlte sich halt nackt, wenn man sich in der Öffentlichkeit barhäuptig zeigte. Dass dann die Amerikaner als Erste sich die Hüte und die Hauben abgewöhnten, lag wohl an den hohen Häusern und den Klimaanlagen darin, welche, wenn der Mensch ins Freie trat, den Wunsch in ihm weckten, den Kopf erst einmal richtig durchzulüften. Dass die Befreiung der Frauen erst mit deren Barhäuptigkeit begonnen habe, wird aber niemand behaupten, der die Bilder von Sufragetten mit ihren mächtigen Hauben vor Augen hat. Oder Simone de Beauvoir, die unter ihrem Kopftuch sehr frei denken und schreiben konnte.

          Beispiel für eine freiere, sinnlichere Art, das Kopftuch zu tragen: die iranische Schauspielerin Leila Hatami
          Beispiel für eine freiere, sinnlichere Art, das Kopftuch zu tragen: die iranische Schauspielerin Leila Hatami : Bild: Allstar/ARTIFICIAL EYE

          Wenn wir, bevor wir zu sprechen begönnen, den Sinn und die Mehrdeutigkeit jedes Wortes, das wir sagen, erst bedenken müssten, brächten wir, vor lauter Reflektieren, den Mund gar nicht mehr auf. Wir plappern halt los und vertrauen darauf, dass unser Gegenüber schon weiß, was wir meinen. Normalerweise funktioniert das sogar dann, wenn wir das Wort „Symbol“ verwenden - obwohl man mit den verschiedenen Bedeutungen dieses Wortes ganze Bücher und mehr füllen kann. Grob gesprochen (und ohne ein Forschungssemester Zeichentheorie) kann man unterscheiden zwischen Symbolen, deren Bedeutung durch Konvention geregelt wird. Und solchen, bei denen die Bedeutung offener hergestellt wird. Dass der Buchstabe A für einen Laut steht, die Taube für den Heiligen Geist, ein Geldschein für einen Tauschwert und das Wortpaar „Blaue Blume“ für eine Sehnsucht, die sich nicht auf den Begriff bringen lassen möchte: Das versteht jeder, der die Konventionen kennt.

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          Anders ist es mit Dingen, die auch ohne symbolischen Mehrwert brauchbar und verständlich sind. Eine Brezn ist etwas, das man essen darf, kann aber auch bayerisches Brauchtum, das Bäckerhandwerk oder, wenn der Kontext es nahelegt, die Frisur von Julia Timoschenko symbolisieren. Ein Kopftuch ist ein Stück Stoff, und naturgemäß steht es jedem frei, darin ein Symbol der eigenen Frömmigkeit oder der Unterdrückung der Frau oder auch der übertriebenen Angst vor der Zerstörung der Frisur zu sehen. Schwierig wird es nur, wenn jemand solche Zuschreibungen mit der Bedeutungsverbindlichkeit eines Geldscheins oder Buchstabens verwechselt. Dann kommt es zu Missverständnissen wie diesen hier:

          - Ihr Kopftuch ist ein Symbol der Unterdrückung der Frau.
          - Ich bin aber nicht unterdrückt. Ich habe studiert und verdiene meinen Lebensunterhalt.
          - Solange Sie das Symbol der Unterdrückung tragen, sind Sie unterdrückt.

          So ungefähr funktioniert die Kommunikation zwischen Kopftuchgegnern und Kopftuchträgerinnen meistens. Es ist, als ob man einen bayerischen Bäckermeister fragte, warum er von Julia Timoschenkos Frisur so besessen sei.

          (Kann es eigentlich sein, dass viele von denen, die das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung nennen, eigentlich von einem Symptom sprechen wollten? Ein Symptom der Unterdrückung - das wäre eine Behauptung, die man überprüfen könnte.)

          Kopftuch als westliches Moderequisit: die französische Schauspielerin Léa Seydoux in „Saint Laurent“ (2014)
          Kopftuch als westliches Moderequisit: die französische Schauspielerin Léa Seydoux in „Saint Laurent“ (2014) : Bild: Allstar/EUROPACORP

          In diesen ersten Frühlingstagen, in denen das Leben aus den Häusern wieder zurück ins Freie kommt, kann man in manchen Vierteln unserer Großstädte die Beobachtung machen, dass nahezu alles, was die Kopftuchkritiker so vorbringen, richtig ist und falsch zugleich. Man sieht Damen, meist sind es die älteren, die mit den Textilien, welche sie tragen, Körper und Gesicht fast zum Verschwinden bringen, sie tragen lange Mäntel ohne Form und Kopftücher von trauriger ästhetischer Anspruchslosigkeit. Man sieht Gruppen junger Mädchen, eindeutig Schülerinnen, und dass manche von ihnen ein Kopftuch tragen, andere aber nicht, scheint nichts zu sein, worüber sie sich streiten oder verständigen müssten. Die Vertrautheit ist deutlich sichtbar, über solche Differenzen im Dresscode hinweg. Die Schriftstellerin Hatice Akyün berichtet in einem ihrer autobiographischen Bücher davon, dass sie sich vor langer Zeit entschlossen habe, aufs Kopftuch zu verzichten, ihre Schwester dagegen bedecke ihren Kopf, was aber in der Familie anscheinend als so selbstverständlich hingenommen werde, wie wenn in einer katholischen Familie der eine sonntags zur Messe geht und die andere lieber nicht: als Frage unterschiedlicher Lebens- und Glaubenspraxis, welche die Sache jedes Einzelnen sei.

          Man sieht auf den Straßen aber auch jene jungen Frauen, deren Habitus von Selbstbewusstsein und deren Kleidung von Körperbewusstsein zeugt, schöne Schuhe, schmale Kleider und Pullover, und die Lippen sind rot angemalt. Wenn das die Kennzeichen strenger Gläubigkeit sein sollen, dann ist es eine sehr freie Interpretation des Korans, in dem ja nicht vom Kopftuch die Rede ist, sondern davon, dass die Frauen, wenn sie das Haus verlassen und sich den Blicken fremder Männer aussetzen, alles, was deren Begehren wecken könnte, verbergen sollen.

          Die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney wählt den Mittelweg mit halboffenem Haar
          Die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney wählt den Mittelweg mit halboffenem Haar : Bild: dpa

          Die Integrationsforscherin Naika Foroutan weist immer wieder darauf hin, dass die Mode, wieder Kopftuch zu tragen, aus der Türkei gekommen sei, wo viele Frauen ihr Haar verhüllten zum Zeichen des Widerspruchs gegen eine Obrigkeit, die nicht nur laizistisch, sondern zugleich autoritär, repressiv und unduldsam war. Naturgemäß hat sich dieses Zeichen, seit Erdogan so massiv die Islamisierung der Türkei betreibt, in sein Gegenteil verkehrt.

          Und auf dem Weg nach Deutschland hat sich die Bedeutung dieses Zeichens auch verschoben: Man muss es wohl als Demonstration der Differenz betrachten - in einer Gesellschaft, in der die jungen Frauen aus dem Nahen Osten mit ihrer Forderung nach Gleichheit nicht weiterkommen. Wenn die jungen phänodeutschen Frauen ihre türkischstämmigen Kolleginnen und Kommilitoninnen dauernd als anders wahrnehmen und behandeln, dann kann es eine Frage des Stolzes und der Ehre sein, sich zu diesem Unterschied ganz selbstbewusst zu bekennen. Kann es eigentlich sein, dass wir zurzeit einen Wandel der Mode beobachten - dass also die anatolische Art, ein Kopftuch zu tragen, verdrängt wird von der Art, das Kopftuch im Stil von Sophia Loren oder Grace Kelly zu binden: als ein Stück Stoff, welches weibliche Schönheit eher akzentuiert, als dass es sie zum Verschwinden brächte. Kann es weiterhin sein, dass in den teureren Städten des Südens und des Westens, wo die Mieten hoch sind und migrantische Milieus und einheimische Unterschicht zwangsläufig nebeneinander leben, das Kopftuch als Differenzmerkmal gerade der ambitionierten jungen Frauen besonders wichtig ist: als Zeichen dafür, dass sie hier unten, im Münchner Hasenbergl zum Beispiel, auf keinen Fall bleiben wollen.

          Der Umstand, dass 90 Prozent der Kopftuchträgerinnen in Umfragen angeben, sie bedeckten ihre Haare aus religiösen Gründen, ist kein Widerspruch. Ein Drittel aller Deutschen bekennt sich auch zum katholischen Glauben. Bei jeder Hochzeit kann man aber beobachten, dass sich kaum noch einer daran erinnern kann, wann er stehen oder knien sollte beim Gottesdienst.

          Es scheint ein Problem mit den Haaren zu geben - bei strenggläubigen Muslimen und bei jenen Feministinnen, die im Kopftuch das Merkmal der Unterdrückung sehen. Dass ausgerechnet offene Haare das Begehren wecken, ist die Begründung des Kopftuchgebots. Und diese Hypothese wird beim Nennwert genommen von jenen, die meinen, dass jede Frau, die ihre Haare diesem Begehren entzieht, sich damit den Blicken jener Männer unterwirft, die es ihrerseits aber nicht nötig haben, sich vor dem Begehren der Frauen zu schützen.

          Ob die These überhaupt haltbar ist, wird nicht gefragt - und deshalb muss hier kurz darauf hingewiesen werden, dass jede Show im „Moulin Rouge“ oder „Crazy Horse“ die These dementiert. Dort verbergen die Striptease-Tänzerinnen gern ihre Haare unter engen Hauben - offenbar gehen die Inszenierungen von der gegenteiligen These aus: dass das weibliche Gesicht in seiner Nacktheit noch begehrenswerter wirke.

          Aber selbst wenn der feministische Ansatz stimmte und die Frau den männlichen Blicken trotzen sollte, ist doch die Frage, welcher Dresscode denn dann genehm wäre. Denn die Frau, die ihre Weiblichkeit sehr freizügig den Blicken offenbart, gilt ja genauso als unterdrückt wie jene, die sich vor diesen Blicken verbirgt: Beide kapitulieren.

          Was daraus aber folgte, wäre eine Art von feministischer Schicklichkeitsnorm, eine mittlere Kleiderordnung, ein Dresscode für die befreite Frau, dessen Rigorismus genau das dementierte, was er demonstrieren sollte.

          Vielleicht sollte man also den Frauen, die darauf beharren, dass sie auch unter einem Kopftuch frei denken können, genau das erst einmal glauben. Das würde von Respekt zeugen. Und von Menschenfreundlichkeit.

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