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Kopftuch-Debatte : Ziehen Sie dieses Symbol aus!

Sieht so eine unterjochte Frau aus? Sophia Loren wusste den Effekt der dezenten Verhüllung zu schätzen. Bild: ddp Images

Das Kopftuch zeugt von der Unterdrückung der Frau, da sind sich viele sicher. Für die vielschichtigen Motive der Trägerinnen bleibt da kein Platz. Was für eine Anmaßung!

          Neulich ist mir die Jungfrau Maria erschienen, in der heiligen Stadt Köln, im Frühstücksraum eines Hotels, in welchem normalerweise keine Heiligen übernachten, sondern Sünder wie wir, Journalisten, Fotografen, Geschäftsleute. Es war der Morgen nach einer Hochzeitsfeier, der Kopf war schwer und müde, der Blick ging zur Kaffeetasse, deren Inhalt Besserung versprach, und als ich doch aufschaute, saß sie am Tisch gegenüber, eindeutig die heilige Maria, sanft und schön, ein mildes Lächeln im Gesicht, und ihr Schleier war so perfekt, er hätte auch Michelangelos Pietà gut gestanden, oder einer von Giorgiones Madonnen. Ich starrte sie ungläubig an, bis mir bewusst wurde, dass das unhöflich war. Und erst als ihr Mann, der eindeutig nicht der heilige Josef war, sich zu ihr setzte, war ich bereit, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Dame am Frühstückstisch nicht die Muttergottes, sondern eine Tochter Arabiens oder der Türkei sein musste, eine Frau nahöstlicher Herkunft, die das Stück Stoff, welches ihren Kopf bedeckte, eher nach venezianischer als nach anatolischer Mode trug.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Man muss aber keine verkaterten Visionen haben, man braucht auch kein Forschungssemester Kunstgeschichte, um sich daran zu erinnern, dass die Sitte, vom Haupthaar höchstens den Ansatz zu zeigen, keine morgenländische und schon gar keine muslimische Erfindung ist. Die Herren bedeckten ihren Kopf mit Mützen, Kappen, Hüten, die Damen trugen Hüte, Hauben, Tücher, so war das üblich auch im Abendland, bis, um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts herum, die Mode aufkam, barhäuptig zu gehen. Und wie bei so vielen Traditionen war die Begründung, wenn es je eine gab, verlorengegangen, weil jeder dieses Verhalten als selbstverständlich empfand. Man fühlte sich halt nackt, wenn man sich in der Öffentlichkeit barhäuptig zeigte. Dass dann die Amerikaner als Erste sich die Hüte und die Hauben abgewöhnten, lag wohl an den hohen Häusern und den Klimaanlagen darin, welche, wenn der Mensch ins Freie trat, den Wunsch in ihm weckten, den Kopf erst einmal richtig durchzulüften. Dass die Befreiung der Frauen erst mit deren Barhäuptigkeit begonnen habe, wird aber niemand behaupten, der die Bilder von Sufragetten mit ihren mächtigen Hauben vor Augen hat. Oder Simone de Beauvoir, die unter ihrem Kopftuch sehr frei denken und schreiben konnte.

          Beispiel für eine freiere, sinnlichere Art, das Kopftuch zu tragen: die iranische Schauspielerin Leila Hatami

          Wenn wir, bevor wir zu sprechen begönnen, den Sinn und die Mehrdeutigkeit jedes Wortes, das wir sagen, erst bedenken müssten, brächten wir, vor lauter Reflektieren, den Mund gar nicht mehr auf. Wir plappern halt los und vertrauen darauf, dass unser Gegenüber schon weiß, was wir meinen. Normalerweise funktioniert das sogar dann, wenn wir das Wort „Symbol“ verwenden - obwohl man mit den verschiedenen Bedeutungen dieses Wortes ganze Bücher und mehr füllen kann. Grob gesprochen (und ohne ein Forschungssemester Zeichentheorie) kann man unterscheiden zwischen Symbolen, deren Bedeutung durch Konvention geregelt wird. Und solchen, bei denen die Bedeutung offener hergestellt wird. Dass der Buchstabe A für einen Laut steht, die Taube für den Heiligen Geist, ein Geldschein für einen Tauschwert und das Wortpaar „Blaue Blume“ für eine Sehnsucht, die sich nicht auf den Begriff bringen lassen möchte: Das versteht jeder, der die Konventionen kennt.

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