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Konzentrationslager Bergen-Belsen : Im schweren Gelände der Geschichte

  • -Aktualisiert am

Stacheldraht als Wegmarken: Funde im Dokumentationszentrum Bergen-Belsen Bild: Hannemann

Geraten die einstigen Konzentrationslager im Westen der Republik in Vergessenheit? Ein Rundgang über die Gedenkstätte Bergen-Belsen, wo Jean Améry interniert war, Anne Frank starb und jetzt unaufhörlich das Gras wächst.

          Es wächst viel Gras über diesen Dingen, und ein Wald aus schnellem, auch billigem Holz. Und wäre nicht dieser Neubau, dieser weiße Betonkeil, den sie unlängst in den Wald hineintrieben, so dass er auch von der Landstraße aus gesehen werden muss - die Rechnung des Landschaftsarchitekten Wilhelm Hübotter wäre fast aufgegangen: Ein grauenhaft deutscher Ort im Nichts der Lüneburger Heide hätte sich in eine germanische Kultstätte, ganz ähnlich dem Sachsenhain, verwandelt.

          Im Sachsenhain gedachte die SS einst der Hinrichtung der Sachsen durch Karl den Großen, eines „Blutgerichts“. Auch die Briten verstanden, dass der Sachsenhain als Blaupause für eine Gedenkstätte nicht anging, nachdem sie das Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit und die Leichenberge mit Bulldozern zusammengeschoben hatten. Und trotzdem wurde das Gelände des Lagers im Winter 1945, kurz nach den ersten Prozessen, im Wesentlichen nach Hübotters Entwürfen begradigt, bis die Massengräber von einst zu Grabhügeln stilisiert und die Reste des Lagers unter Heide und Wald verschwunden waren.

          Die Gedenkstätte steht noch immer erst am Anfang

          „Unfassbar, nicht wahr?“ Wilfried Wiedemann, ein hagerer, nachdenklicher Mann, der in den achtziger Jahren die Filmaufnahmen der Leichenberge von Bergen-Belsen entdeckte, klammert sich am Saum der grünen Sportjacke fest und sieht zu Habbo Knoch hinüber. Sein junger Nachfolger als Geschäftsführer der „Stiftung niedersächsische Gedenkstätten“ sagt kein Wort, zeigt einfach nur auf die Wege, auf die Heide, auf die Hügel. Was soll man auch sagen. Diese Geschichte ist symptomatisch.

          Ein Anfang: Das Dokumentationszentrum, im Vorjahr eröffnet, macht das Lager sichtbar

          Jahrzehntelang war die Gedenkstätte des KZ Bergen-Belsen, in einer Kurve der Landstraße von Winsen nach Bergen gelegen, kaum mehr als ein überwucherter Friedhof für siebzigtausend, eingebettet in den größten Truppenübungsplatz Europas und als „gemeindefreies Gebiet“ auf den Karten nicht zu orten. Zwar gab es auf dem Gelände bald ein jüdisches Mahnmal, zudem eine Inschriftentafel mit Obelisk, ab 1966 auch eine winzige, zwei Jahrzehnte von einem Hausmeister nebst Hund beseelte Ausstellungshalle. Einige Jahre nach dem Besuch Kohls und Reagans in Bergen-Belsen (quasi der Ausgleich für Bitburg) wurde diese Ausstellung unter Leitung von Wiedemann endlich erweitert, flossen Landesgelder und seit dem Jahr 2000 gar Projektgelder des Bundes, um mit einem neuen „Dokumentenhaus“ in die Moderne aufzubrechen. Doch die Gedenkstätte Bergen-Belsen steht noch immer erst am Anfang, finanziell zu einem Dauerbetrieb mit Besucherdienst oder gar einer Erschließung des verschütteten Geländes kaum in der Lage. „Projektgelder“, sagt Wiedemann, „das sagt doch alles.“ Von Projekten erwartet man, dass sie bald abgeschlossen sind.

          Man ließ die Toten einfach liegen

          Bergen-Belsen war kein Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau. Auf dem Gelände des kurz vor dem Krieg eingerichteten Truppenübungsplatzes pferchte man zunächst sowjetische Kriegsgefangene zusammen, unter freiem Himmel, bis etwa zwanzigtausend von ihnen gestorben waren. Später errichtete man ein Austauschlager für Juden aus westlichen und neutralen Ländern, für „wertvolle Geiseln“, wie Himmler sagte. 1944 kamen Schwerkranke anderer Lager hinzu, auch ein Frauenlager. Und schließlich trieben sie noch Zehntausende Häftlinge auf „Todesmärschen“ aus den „evakuierten“ Lagern bis in die Heide.

          Dort warteten Hunger und Seuchen, „tödliche Existenzbedingungen“, wie es heißt. Als die Offiziere des Truppenübungsplatzes sich von den Leichenverbrennungen belästigt fühlten, schrieb der Historiker Eberhard Kolb, ließ man die Toten einfach liegen, türmte sie zu Haufen auf, stapelte sie in Baracken. Kolb hatte im Jahr 1962 die erste Darstellung des Lagers vorgelegt. Die Fotos und Filme dieser Zustände seien „Dokumente eines Grauens, das sprachlos macht und dem selbst aus der düsteren Welt der deutschen Konzentrationslager kaum etwas Vergleichbares an die Seite zu stellen ist“. Sie sorgen dafür, dass Bergen-Belsen im Ausland bis heute ein Begriff ist. Und dennoch sind die Bilder immer seltener in deutschen Schulbüchern zu sehen. „Wieder so eine Sache“, sagen Wiedemann und Knoch auf dem Weg zurück zum Parkplatz.

          Der Vater von Roberto Benigni. Jean Améry. Und Anne Frank, natürlich

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