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Musik in Afrika : Keine Touristendisco

  • -Aktualisiert am

Die rockende Frauenband Gargar auf Tournee. Bild: Ketebul Music/Paul Munene/Quaint

In Deutschland liebt man kuschelige „Weltmusik“ aus Afrika. Dort allerdings schätzt man ganz andere Stile und Genres. Ein Besuch beim Kongress „Music in Africa“ in Ghana

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          Musik aus Afrika scheint eine sichere Bank zu sein für Veranstalter von Drittwelt-Festivals, die jeden Sommer quer durch Deutschland von Gundelfingen an der Donau bis Altona stattfinden. Das Publikum hüpft und wippt bei den ansteckenden Rhythmen mit, es gibt Touristenmärkte mit Kunsthandwerk und viel bunten Tüchern, der Duft exotischer Speisen steigt einem in die Nase. Happy music und unkomplizierte Begegnungen mit Fremden – ein Abend lang Urlaub vom deutschen Wesen.

          Hinter den Kulissen sieht es nicht so rosig aus. Im letzten Juni wurde das Afrika-Festival in Nürnberg wegen Publikumsschwunds und mangelnder Finanzen kurzfristig abgesagt. Zudem verläuft seit 2015 die Vergabe der Visa zähflüssiger, die administrativen Hürden sind höher geworden. Ein Berliner Veranstalter beklagt ein schwindendes Interesse der Medien, sie würden immer nur neuesten Trends hinterherlaufen, und dazu gehöre Afrika nicht mehr. Andere verweisen auf die für Deutschland nachteiligen Strukturen im internationalen Musikgeschäft: Viele Verträge müssen über marktbeherrschende Agenturen in London oder Paris abgeschlossen werden, was Vermittlerprovisionen bis zu zwanzig Prozent nach sich zieht. Die von Land zu Land unterschiedliche Besteuerung treibt bei internationalen Tourneen den Verwaltungsaufwand in die Höhe, die Reisebetreuung der mit europäischen Lebensgewohnheiten wenig vertrauten Musiker verursacht zusätzliche Kosten. Die systemimmanenten Reibungsverluste machen das Afrika-Geschäft zu einem Risiko.

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          In der Juli-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Martin Schäuble über die Recherche zu seinem Jugendroman „Sein Reich“, Andreas Platthaus über die Versprechungen des Bücherherbsts – und über Ulrike Almut Sandigs Romandebüt

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          Wie man afrikanische Musik besser an das europäische, besonders das deutsche Publikum herantragen kann, war auch Thema beim Musikkongress Acces in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Die Music in Africa Foundation mit Sitz in Johannesburg veranstaltet dieses Treffen, bei dem sich Musiker und Vertreter des Musikbusiness zusammenfinden, jährlich in einem anderen afrikanischen Land. Von deutscher Seite wird Acces vom Goethe Institut und der Siemens-Stiftung unterstützt. Im Rahmen seiner „vertieften Partnerschaft“ mit Afrika trat nun auch das Auswärtige Amt als Wirtschaftsförderer auf den Plan. Mit seiner Hilfe und unter Federführung des Hamburger Reeperbahn-Festivals konnte eine umfangreiche Veranstalterdelegation aus Deutschland die Reise nach Accra antreten, um dort Kontakte zu knüpfen. In der Alliance Française, wo die abendlichen Konzerte mit Gruppen aus Ghana, Togo, Mali, Angola, Zimbabwe und Südafrika stattfanden, huschte deshalb zwischen den Lightshows auch das ministeriale Logo über die Rückwand der Freilichtbühne.

          Doch welche Musik wird eigentlich nach Europa exportiert? Nach Ansicht von Kalin Pashaliev, Medienverantwortlicher bei Music in Africa, unterscheidet sich das, was auf den Festivals im Norden erklingt, grundlegend von der Musik, die heute in Afrika vor allem von den Jungen gehört wird. Diese, sagt er, bevorzugen den elektronischen Studio-Sound der vom Hiphop beeinflussten „Afrobeats“, und darin geht es um Hype, Image und Mode, versetzt mit einer Prise Afrofuturism – ein Mix aus Techno und afrikanischen Mythen. Die für den europäischen Markt produzierte „Weltmusik“ mit den flotten Arrangements und funky Rhythmen gälten in den Augen der jungen Afrikaner als Repräsentanten des alten westafrikanischen Afrobeat. Kurz: als Musik von gestern.

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