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Russland und Ukraine : Der Sieg des emotionalen Faktors

  • -Aktualisiert am

Menschliche Freude ist Hauptsache

Also musste Selenskyj jetzt zu seinem Wort stehen. Die Frage des Gefangenenaustausches stand seit seinem Amtsantritt auf der Tagesordnung. Dass der Austausch 35 zu 35 tatsächlich stattfand, ist für die neue Macht ein starkes Argument zu ihren Gunsten. Der positive Impuls der Ereignisse, die Heimführung der Leute aus der Gefangenschaft, erwies sich als so stark, dass Nachfragen etwa nach den Details dieser Operation bei den meisten Entrüstung hervorrufen.

Wenn man die Interessen des Staates und des Menschen einander entgegenhält, dann geben die Ukrainer dem „menschlichen Faktor“ den Vorzug. Sie sind bereit, den Wert des Lebens ihrer Mitbürger über die politischen Interessen zu stellen. Die Frage nach den wahren Kosten dieses Austausches, seinen möglichen Folgen, nach der Zweckmäßigkeit der Auslieferung von Wladimir Zemach, einem Verdächtigen im Fall der abgeschossenen malaysischen Boeing-Maschine, überhaupt nach der Gleichwertigkeit dieses Austauschs, wurde so zweitrangig. Für die Ukrainer wurde die menschliche Freude über Verwandte und Nahestehende, zu denen ihre Väter, Brüder und Söhne zurückkehrten, zur Hauptsache. Wahrscheinlich charakterisiert das uns Ukrainer als herzliche, mitfühlende Nation. Es charakterisiert aber auch die neuen ukrainischen Machthaber, die auf vielerlei Weise an Emotionen appellieren und keine Antworten auf unbequeme Fragen geben.

Etwa die Frage nach den ukrainischen Bürgern, die in russischen Gefängnissen geblieben sind. Oder nach ukrainischen Kriegsgefangenen in den Händen der Separatisten. Russland verliert kein Wort über ihre Rückführung, weil es davon ausgeht, mit den Ereignissen im Donbass nichts zu tun zu haben. Vielleicht will Wladimir Putin den Austausch als Argument für die Aufhebung der Sanktionen instrumentalisieren. Es fragt sich auch, wie die Auslieferung eines wichtigen Zeugen der Flugzeugkatastrophe sich auf die westlichen Partner der Ukraine auswirkt. Und ob der Austausch nicht ein Sieg des russischen Präsidenten ist, der uns wieder einmal daran erinnerte, dass er es ist, der über Krieg und Frieden entscheidet.

Unpopuläre Maßnahmen und problematische Entscheidungen

Selenskyj hat erklärt, der Gefangenenaustausch sei der Anfang vom Ende des Krieges. Deswegen verlangen nun manche, man dürfe den Präsidenten nicht behindern. Andere rechnen mit dem Schlimmsten und glauben, dass mit dem Abzug ukrainischer Militärposten nationale Interessen preisgegeben werden, dass ukrainische Siedlungen sich wieder in „Grauzonen“ verwandeln. Jeder Telefonanruf des ukrainischen Präsidenten im Kreml löst großes Misstrauen aus.

Als er versprach, den Krieg zu beenden und die besetzten Territorien zurückzugewinnen, musste es Selenskyj klar sein, dass er um unpopuläre Maßnahmen und problematische Entscheidungen nicht herumkommen würde. Es ist die Frage, was er anzubieten hat, und ob und unter welchen Bedingungen der russische Präsident ihm entgegenkommen wird. Vorerst freuen sich die Ukrainer über die Heimkehr der Kriegsgefangenen. Die Behörden versprechen, ihnen mit Wohnraum und Rehabilitierung zu helfen. Oleg Senzow hat eine Facebook-Seite angelegt. Das Leben geht weiter. Aber der Krieg auch.

Serhij Zhadan, ukrainischer Schriftsteller und Dichter, lebt in Charkiw. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt der Roman „Internat“.

Aus dem Russischen übersetzt von Kerstin Holm.

Über den Autor

Serhij Zhadan, ukrainischer Schriftsteller und Dichter, lebt in Charkiw. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt der Roman „Internat“.

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