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Konferenz „Rückeroberung des Öffentlichen“ : Der virtuelle Raum ist kein Garant für Partizipation

  • -Aktualisiert am

Rabih Mroué während seiner Performance „Pixilated Revolution“ in der Black Box der Akademie der Künste in Berlin am 23. April. Bild: Goethe-Institut; Foto: Bernhard Ludewig

In Berlin diskutierten Künstler, Medientheoretiker, Journalisten und Aktivisten über „Internetproteste“ und den realen, verletzlichen Körper der Menschen, derer es für eine Revolution immer bedürfen wird.

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          Ganz zu Beginn erzählt Bahia Shehab einen Witz. Bei ihrem letzten Deutschland-Besuch sei auch gerade Muhammad Mursi, der Staatspräsident ihres Heimatlandes Ägypten, hier zu Gast gewesen. Sie scheine eindeutig beliebter als er, denn im Unterschied zu ihm sei sie wieder eingeladen worden. Doch die junge Künstlerin wird schnell ernst. Vor Beginn der arabischen Revolution sei es undenkbar gewesen, so etwas zu sagen. Nicht so sehr wegen der Beleidigung, sondern schon wegen des Vergleichs einer Bürgerin mit dem Präsidenten.

          Dass vieles sich stark verändert hat in den letzten zweieinhalb Jahren, nicht nur in Ägypten, sondern beinahe in der ganzen Welt, ist offensichtlich. Und wenn in Medien und Studien von den neuen Protestformen, von Flashmobs und Occupy, von vermeintlichen „Internetrevolutionen“, aber auch von auf den ersten Blick eher apolitischen Phänomenen - wie etwa der Praxis, im Stadtraum Gärten anzulegen - die Rede ist, dann landet man schnell beim „öffentlichen Raum“, diesem kolossalen Abstraktum.

          Zeichenwanderung

          Das Goethe-Institut hat diese Woche unter dem Titel „Rückeroberung des Öffentlichen“ in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz eine Konferenz veranstaltet, bei der Künstler und Aktivisten, Medientheoretiker und Philosophen Fragen nachgingen wie der, ob die geläufige Unterscheidung zwischen „virtuellem“ und „realem“ Raum noch haltbar ist, wenn „das Internet“ die Sphäre zu sein scheint, in der politisches Handeln mehr und mehr stattfindet. Gleichzeitig fragte man aber auch, ob die Rolle, die das Internet etwa bei den Aufständen im arabischen Raum gespielt hat, nicht vielleicht überschätzt wird.

          Die Chance einer Konferenz mit derart unterschiedlichen Teilnehmern ist, dass im Gespräch Zusammenhänge anschaulich werden, deren theoretische Ausformulierung einem mitunter erscheint wie einem Sammelband zur Medientheorie der achtziger Jahre entnommen. In der Akademie der Künste gelang das Experiment. Bahia Shehab etwa illustrierte, wie ein Zeichen aus dem Stadtraum in die digitale Sphäre wandern kann.

          Mutbürger oder Wutbürger?

          Die junge Designerin hat das arabische Wort „la“ an viele Mauern und Wände in Kairo gesprüht. „La“ bedeutet „nein“, zwei Buchstaben im Arabischen. Nein zu Diktatur, nein dazu, dass Menschen ausgezogen und verprügelt werden. In ihrem Eröffnungsvortrag zeigte Shehab Screenshots von Facebook-Profilen, die Fotos ihrer „Neins“ hochgeladen haben, und die Sequenz einer Nachrichtensendung, in der wiederum die Facebook-Profile präsentiert werden.

          Es wurde etwas Grundlegendes klar bei dieser Konferenz: Es gibt nicht „den“ öffentlichen Raum, den sich die Völker dieser Welt, aus dem eskapistischen Internet herausgespült, in einem virtuell befeuerten Protestschwung nun zurückerobern. Stuttgart, wo der vom mitdiskutierenden Journalisten Florian Kessler zum „Mutbürger“ umgetaufte „Wutbürger“ sich nicht mehr sicher ist, ob er noch gegen einen Bahnhof oder schon für mehr Bürgerpartizipation demonstriert, ist nicht Kairo, wo die Menschen riskieren, für ihren Protest zu sterben.

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