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Nazi-Raubkunst : Restitution als Sisyphusarbeit

Das Porträt „Grete Marx“ (l.) von Bernhard Pankok aus dem Jahr 1915 und das Gemälde „Spargelstillleben“ von Käthe Loewenthal aus dem Jahr 1941 stehen im Kunstmuseum Stuttgart. Sie wurden von Provenienzforschern als Nazi-Raubkunst identifiziert. Bild: dpa

Auch zwanzig Jahre nach der Washingtoner Erklärung zur Rückgabe von Raubkunst aus jüdischem Besitz ist kein Ende der Wiedergutmachung abzusehen. Eine Konferenz in Berlin skizzierte, was noch zu tun bleibt.

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          An einem Mittwochmorgen elf Wochen nach ihrer Eröffnung ist die Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“ im Berliner Gropiusbau überfüllt. Besucher drängen sich in den Sälen im zweiten Stock des Gebäudes, um einen Blick auf die dicht gehängten Bilder der Sammlung von Cornelius Gurlitt und die Dokumente zum Leben seines Vaters Hildebrand zu betrachten. Jedes Gemälde ist mit einer Erklärungstafel zu seiner Provenienz versehen; zwei Drittel der Tafeln teilen mit, die Erwerbungsgeschichte sei vorläufig unklar, bei einem Zehntel ist sie „in Abklärung“, bei einem weiteren Zehntel restlos geklärt. Und dann gibt es die Werke, auf die der Schatten des nationalsozialistischen Kulturraubs fällt: eine „Waterloo Bridge“ von Monet mit zweifelhafter Herkunft oder das Foto einer Menzel-Zeichnung, die inzwischen restituiert wurde. Sie sind der eigentliche Anlass der Ausstellung, die ein Stück Gewaltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt – nur diesmal nicht als Geschichte von Kriegen. Sondern als eine der Kunst.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Als die Öffentlichkeit 2013 von der Existenz der Sammlung Gurlitt erfuhr, war die Washingtoner Erklärung zur Aufdeckung und Rückgabe von Raubkunst aus jüdischem Besitz fünfzehn Jahre alt. Inzwischen sind weitere fünf Jahre vergangen, aber ein Ende des Prozesses, der in Washington begonnen hat, ist nicht abzusehen. Noch immer gelten hunderttausend von ungefähr sechshunderttausend Kunstwerken, die im Zuge der nationalsozialistischen Rassenpolitik den Besitzer wechselten, als „vermisst“, wie Stuart Eizenstat, der Initiator der Washingtoner Erklärung, bei einer Konferenz zum zwanzigsten Jahrestag ihrer Verabschiedung im Berliner Haus der Kulturen der Welt sagte. Und zu den unbekannten kommen die bekannten Fälle, die auf ihre Entscheidung warten, in Deutschland, aber auch in Ländern wie Polen, Ungarn, Russland und Spanien, die die Erklärung unterzeichnet haben, ohne ihre Prinzipien juristisch umzusetzen.

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