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Kommentar zum Koalitionsstreit : Söder wird Geschichte geschrieben haben

Mit seinen derben Worten hat Markus Söder der CSU keinen Gefallen getan. Bild: dpa

Wortwörtlichkeit als Fluch: Markus Söder hat sich auf ein Duell mit der Kanzlerin eingelassen. Seine historische Bedeutung kann man gar nicht überschätzen: Er versteht die Bayern nicht mehr.

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          In Markus Söders Jugendzimmer, darauf hat er selbst immer wieder hingewiesen, hing ein Bild von Franz Josef Strauß, was man, in einer Zeit, da andere zu den Bildern von Che Guevara, David Bowie oder Madonna beteten, gern als Zeichen von Charakterstärke und einer gesunden Widerspenstigkeit deuten durfte. Andererseits könnte es sein, dass mit dem Vorbild schon Söders Problem bezeichnet ist: Franz Josef Strauß wollte jedenfalls mehr sein als bloß Franz Josef Strauß – immer wieder hat er erzählt, dass er gern Reichskanzler gewesen wäre in den letzten Tagen der Weimarer Republik; denn er, Strauß, hätte sich schon zugetraut, deren Untergang und den Aufstieg Adolf Hitlers zu verhindern. Weltgeschichte zu schreiben, das war für ihn das Mindeste (auch wenn, da dann Hitler nur ein Oppositionspolitiker mit sehr unsympathischen Ideen geblieben wäre, das wohl nur sehr kluge Leute erkannt hätten).

          Markus Söder, immerhin, wird, wann immer er abtritt, bayerische Geschichte geschrieben haben – längst hat er keine Wahl mehr. Denn wer in den vergangenen Tagen und Wochen die Eskalation betrieben hat, das war er, vor allem: Horst Seehofer, Söders Vorgänger im Amt, deutscher Innenminister und Chef jener CSU, in der Söder sein ärgster Gegner ist, Horst Seehofer beherrscht wie kaum ein anderer die Kunst der mehrdeutigen Rede. Manchmal kommt es einem, als Zuhörer und potentieller Wähler, so vor, als könnte Seehofer keinen Satz formulieren, der nicht über einen doppelten Boden, mehrere Nebenausgänge und eine Hintertür verfügte: Womöglich meint er ja gerade das Gegenteil von dem, was er sagt.

          Markus Söder dagegen hat einen Hang zu protestantischer Wortwörtlichkeit; die Freude an Mehrdeutigkeiten und Widersprüchen fehlt ihm ganz und gar – er ist gezwungen, so zu tun, als meinte er, was er sagt. Wozu das führt, konnte man sehr deutlich hören, als er die Sache mit dem Kreuz in den Amtsstuben erfand. Erst war ihm dieses christliche Zeichen nur Ausdruck von Tradition und folkloristischer Eigenart; dann wurde ihm klar, wie höhnisch so etwas in den Ohren gläubiger Christen klingen musste – und je öfter er seine Aktion begründen musste, desto hilfloser wirkte er.

          Söder versteht die Bayern nicht mehr

          Erst hat Söder (viel heftiger als Seehofer) den Streit mit der Kanzlerin eskalieren lassen. Dann kamen die Umfragen, die besagten, dass selbst in Bayern die Menschen mehr Sympathien für Angela Merkel als für Markus Söder haben; und dass die CSU weit weg ist von der absoluten Mehrheit. Und jetzt versteht Söder die Bayern nicht mehr.

          Obwohl das doch die Kernkompetenz eines Ministerpräsidenten wäre. Erstens: zu wissen, dass die Alteingesessenen nicht nur die Angewohnheit haben, die CSU zu wählen, sondern auch sie zu quälen. Gründe gibt es genug bei einer Partei, die so lange regiert – und wenn manche die AfD wählen, dann nicht, weil sie die mögen; nur weil sie die CSU ärgern wollen (zum Stammtisch in Straubing würde Gauland nicht eingeladen).

          Und zweitens sollte man wissen, dass die Arbeitsmigranten, all die gut ausgebildeten Menschen, die nach Bayern gezogen sind wegen der Einkommen und der Lebensqualität, ganz gern die CSU wählen, weil das Land gut regiert wird. Aber mit Söders unironischer Breitbeinigkeit, dem Verbalseparatismus, mit der Vorstellung, ganz Bayern sei ein Bierzelt, laut und leicht angetrunken, in dem nur noch die derbsten, lautesten Töne vernommen würden: mit all dem können sie rein gar nichts anfangen.

          Zurück geht es nur um den Preis, als Maulheld und Angeber dazustehen und die Wahl zu verlieren. Vorwärts führt der Weg zum Einzug der CDU in Bayern, was das Ende der absoluten Mehrheit für immer bedeutete. Man kann also Söders historische Bedeutung gar nicht überschätzen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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