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Diskussionsverbot : Insulaner auf dem Campus

Keine Diskussionsrunden mehr? Immer mehr Universitäten sträuben sich gegen Gastredner. Bild: dpa

Immer mehr große Universitäten können sich nicht mehr vorstellen, einen Redner zu einer Veranstaltung einzuladen, mit dessen politischen Sichtweisen sie nicht übereinstimmen. Eine Glosse.

          Eine Universität ist keine Insel und ein Seminar keine Parteikundgebung. Eigentlich eine Binsenweisheit. Aber an manchen Universitäten fällt diese Unterscheidung inzwischen schwer. Berlin, Bremen, Frankfurt, Köln, jetzt Siegen: Viele können sich dort nicht mehr vorstellen, einen Redner zu einer Veranstaltung einzuladen, mit dessen politischen Sichtweisen sie nicht konform gehen. Eine Einladung auszusprechen heißt für sie: Du gehörst zu meinem Stamm, du musst denken wie ich, und deshalb werden wir deine Gesinnung, bevor du zu uns kommst, genau prüfen. Denn Studenten sind naiv, sie werden dem Charisma eines Redners sofort erliegen, weshalb wir sie vor falschen Meinungen schützen müssen.

          Was ist geschehen? Der Siegener Philosophieprofessor Dieter Schönecker hat den Sozialdemokraten Thilo Sarrazin und den AfD-Kulturpolitiker Marc Jongen zu einem Seminar über Meinungsfreiheit an der Universität geladen. Er verband diese Einladung, wie er mitteilt, nicht mit der Absicht, die AfD zu wählen, der er sich politisch nicht nahe fühle. Das scheint allerdings etwas zu sein, was sich der Siegener Rektor Holger Burckhart und der Dekan der Philosophischen Fakultät, Niels Werber, absolut nicht vorstellen können. Sie haben Schönecker die Universitätsmittel für das Seminar gestrichen und sich ausdrücklich von der Einladung distanziert.

          Die Einbindung von Jongen und Sarrazin, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme, enthalte unweigerlich eine politische Botschaft, die gegen die Grundwerte der Universität Siegen verstoße. Eine wissenschaftliche Befassung mit dem Thema Redefreiheit sei nicht mehr möglich. Ein Argument möchte man das noch nicht nennen, eher eine Meinungsbekundung. Schöneckers Philosophie-Kollegen, die ihm den Rücken stärken, schämen sich jedenfalls nicht so demonstrativ wie Rektor und Dekan und wollen auch die Unterscheidung zwischen Politik und Wissenschaft nicht wie diese aufgeben.

          Der Pädagogikprofessor Volker Ladenthin hat kürzlich beschrieben, wie schwer es heutigen Studienanfängern falle, fremde Perspektiven einzunehmen. Wer beispielsweise einen Gedankengang von Platon vorstelle, meine ihn sich schon durch die Darstellung zu eigen zu machen. Dass nun auch Universitätsleitungen von diesem Symptom befallen sind, stimmt nachdenklich. Dieter Schönecker kann jedenfalls schon vor dem ersten Seminar ein empirisches Ergebnis vorstellen: Die Redefreiheit von Andersdenkenden beginnt für die Leitung der Universität Siegen manchmal erst außerhalb der eigenen Mauern.

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          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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