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Detroit : Komm in die totgesagte Stadt

  • -Aktualisiert am

Um die 85.000 Häuser in dieser Stadt sind verlassen oder in einem katastrophalen Zustand oder beides: Detroit Bild: Christian Burkert/laif

Früher war Detroit Boomtown, heute Ground Zero der amerikanischen Krise: Wie sieht es da aus? Geht es irgendwie weiter? Eine Visite.

          6 Min.

          Es ist crazy.

          Die Mücken sind fünf Mal so groß und die Straßen so leer, dass du dich darauf zum Schlafen hinlegen könntest, wären da nicht ein paar Autos, die darüberschleichen wie Schlangen. Ein Mensch, so denke ich nach anderthalb Tagen, ist hier immer so groß wie ein Auto, weil man alles im Auto erledigt. Es läuft keiner. Busse fahren unregelmäßig, nur Arme sitzen in Bussen. Menschen sind Autos und umgekehrt. Man setzt sich ins Auto, und erst dann, mit dem Auto um sich herum, dessen weicher Kern man ist, betritt man das Leben. Ein Gigantismus, diese Autosucht. Oder Angst. Aber der Reihe nach.

          Die Ankunft war entsetzlich. Ich stand in der Schlange am Flughafen, um dem Border-Security-Typen mein Visum zu zeigen, hinter mir ein christlicher Club mit Werbung für Gott auf einem Schild, das die sich an die Brust geheftet hatten, vor mir ein Harley-Davidson-Club aus Franken in Komplettmontur (die Männer machten fränkische Witze und ihre Frauen lachten, wenn es so weit war), und wir alle schoben uns über den grauschwarzgemusterten Flughafenteppich (dafür haben die hier irgendwie eine Vorliebe, für Teppiche, die aussehen wie ein Bill-Cosby-Pullover), um endlich von Amerika reingelassen zu werden.

          Die Grenzbewacher hatten es nicht eilig

          Der Grenzbewacher und ich verstanden uns nicht gut. Er (Glatze, alles, was an Haaren übrig war, rotblond, ein bisschen wie Hank aus „Breaking Bad“) wollte wissen, was ich in Amerika, und vor allem, was ich in Detroit wolle, dass ich da hinwollte, schien er nicht einzusehen. Dabei grinste er die ganze Zeit, und ich, etwas angegriffen durch die lange Reise, wusste nicht, was er von mir will und ob er mich vielleicht verschaukeln möchte. Oder mal ein Bier trinken.

          Er: Are you here for business?
          Ich: No.
          Er: What do you want to do here?
          Ich: Visit Detroit. And write about it.
          Er: So you are here for business?
          Ich: Is that a business?




          Und so weiter, bis er irgendwann beschloss: I don’t buy your story.

          Er brachte mich in einen Raum, wo zwanzig andere Leute saßen, deren Story nicht gekauft worden war und die den heiligen amerikanischen Boden betreten wollten, den ich in diesem Augenblick für den Scheißboden schlechthin hielt. Chinesen, Inder, Lateinamerikaner und Menschen, die aussahen, als kämen sie aus Gegenden, denen Amerika misstraut, also eigentlich ganz egal, woher. Sechs Grenzbewacher saßen hinter einer Theke und hatten es nicht eilig. Die Decke war tief, das Licht fraß sich neonhell in die müden Gesichter der Anwesenden. Das Benutzen von Telefonen war nicht erlaubt, was ich als Katastrophe empfand, weil am Flughafen jemand auf mich wartete, den ich nicht kannte, der aber so nett war, mich abzuholen.

          Tausend Projekte, die die Stadt wieder gesund machen sollen

          Die Grenzbewacher riefen nach nicht feststellbaren Kriterien Verdächtige auf. Unsere Pässe lagerten in Fächern, immer wieder ging einer der Grenzbewacher zu den Fächern, um die Pässe neu zu sortieren, und alle Anwesenden starrten auf das Passsortierungsverfahren, in der Hoffnung, dass endlich ihr Pass aus einem der Fächer genommen und sie aufgerufen werden würden. Die Zeit verging nicht, es war, als müsstest du an einem tropfenden Wasserhahn, der nicht mehr kann als tropfen, deinen Durst stillen, und ich wurde ein bisschen verrückt.

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