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Kolumne „Bild der Woche“ : Jäger und Verteidiger

  • -Aktualisiert am

Kaliningrad, 1999. Der Fotograf war den russischen Rekruten aus der Straßenbahn in den Zoo gefolgt. Bild: Dmitry Vyshemirsky

Kaliningrad, 1999: Ein Eisbär stellt sich russischen Soldaten. Die jungen Männer sind für zwei Jahre zum Dienst verpflichtet, der Bär bleibt für sein ganzes Leben im Zoo eingesperrt. Was singt dieser Gefangenenchor?

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          „Kant und Soldaten“ – schoss es mir durch den Kopf, als ich zum ersten Mal dieses Foto aus „Königsberg“ gesehen habe. Welch skurrile Erkenntnis: Als würde hier der kategorische Imperativ dargestellt. Das Foto stammt aus dem Jahr 1999 – kaum zu glauben, denn die Zeit ist hier merkwürdig verschwommen, steckengeblieben im ewigen „danach“. Der Fotograf Dmitry Vyshemirsky aus Kaliningrad nennt seine Erinnerungsfetzen aus einer untergegangenen Stadt „Königsberg, verzeih“.

          Zwischen ihnen liegt ein Wassergraben, über ihnen hängt ein nebliger Tag. Der Fotograf erinnert sich genau, wie die Soldaten aus einer Straßenbahn ausgestiegen sind und durch den Nebel Richtung Zoo verschwanden und wie er ihnen in Vorahnung hinterhereilte.

          Entgegen seiner Gewohnheit steht der Eisbär auf zwei Beinen und stützt sich auf die Steine des Geheges. Kein Schritt zurück. Ich denke an das groteske Buch „Etüden im Schnee“ von Yoko Tawada, in dem ein Moskauer Zirkusbär, der nebenher auch als Schriftsteller tätig ist, nach West-Berlin verkauft wird, um einer Verbannung nach Sibirien zu entgehen.

          Bei Tawada ist der Eisbär mehr als nur eine Allegorie von „Andersdenkenden“, „Minderheiten“ oder „den anderen“, denn auch in diesem Foto zeigt sich eine komische und ergreifende Vermischung zwischen Menschlichem und Tierischem. Der Eisbär bemüht sich um einen vernunftbegabten Dialog in einer für den Menschen verständlichen Sprache. Er hebt die Vorderpfoten. Eine Geste des Selbstschutzes, als würde er versuchen, die Soldaten zu beruhigen, sie von etwas abzuhalten (obwohl sie nicht bewaffnet sind) oder sogar zu ihnen zu predigen. Die Soldaten sind Rekruten, fast noch Kinder. Sie sind noch erziehbar. Manche lachen, manche staunen. „Still, Kinder!“ Waffenstillstand.

          Mit seiner Größe, seiner Majestät und seinem flauschigen Fell ist der Eisbär wie ein Kant der Arktis. Rein zoologisch ist der Bär das gefährlichste Raubtier der Welt. Er ist riesig, und er ist aggressiver als Löwen und Tiger. Sein öffentliches Profil ist in der letzten Zeit jedoch zu dem eines großen Kuscheltiers geworden. Zu dieser Verniedlichung hat nicht nur Knut aus dem Berliner Zoologischen Garten beigetragen. Auch durch unsere Unruhe wegen des Klimawandels ist dieses furchterregende sympathische Tier zum Zeuge unseres Fehlhandelns geworden, zum Symbol der Hilflosigkeit der Natur.

          Ich folge seinem Blick und sehe noch einen anderen weißen Fleck in diesem dunklen Bild. Da ist das Gesicht eines jungen Mannes, der dem Eisbären direkt gegenübersteht und mit seiner Hand auf den Bären zeigt. Neckt er ihn, wie ein Kind, damit er laut brüllt? Bläst er Halali? Noch ein Soldat winkt: Hallihallo! Sie sind Jäger und Verteidiger des Landes, sie sind im Wehrdienst, und obwohl sie physisch schwächer sind als der Bär, sind sie ihm überlegen. Aber auch sie sind nicht frei: Die Soldaten sind für zwei Jahre zum Dienst verpflichtet, der Bär für sein ganzes Leben im Zoo gefangen. Gemeinsam bilden sie einen „Gefangenen-Chor“ der vernunftbegabten Wesen. Der Bär wirkt wie ein Patriarch, ein Prophet, ein Regent und Dirigent des Chores. Die Jungs stehen im Halbkreis, der Bär bringt ihnen ein altes Stück bei. Üben sie „Du sollst nicht morden“?

          Die letzten Tiere von Königsberg

          Ich habe dieses Foto in dem Buch der Slawistin Valentina Parisi entdeckt, „Una mappa di Kaliningrad“. Deren italienischer Großvater hatte während des Zweiten Weltkriegs zwei Jahre als Kriegsgefangener in Königsberg verbracht. Das Buch beginnt mit der Zerstörung der Stadt im August 1944 durch die britischen Bombenangriffe. Danach war die Stadt in der Gewalt der Roten Armee. Erobert wurden nur noch Ruinen, das historische Königsberg existierte bereits nicht mehr. Im Königsberger Zoo, in dem Dmitry Vyshemirsky vierzig Jahre später dieses Foto schoss, waren von siebenhundert Tieren nur vier am Leben geblieben: ein Damhirsch, ein Dachs, ein Esel und das schwerverletzte Nilpferd „Hans“. Er war der Einzige aus seiner Familie, der den Krieg überlebt hat. Seine Geschwister kamen im Februar 1945 im Dresdner Zoo und im Breslauer Zoo bei Bombenangriffen ums Leben.

          Das Nilpferd „Hans“ wurde vom sowjetischen Arzt Polonskij geheilt. Wie Parisi schreibt, heißt „Nilpferd“ nur auf Russisch „Begemot“ – ein Wort, das aus dem Hebräischen stammt und zuerst im Buch Hiob erwähnt wird, als „Riese“ oder „Tier der Tiere“. Damit wurde die Rettung von Hans zu einer Rettung der Tiere, nicht aller Tiere, sondern des Tiers an sich – und damit auch des Menschen, in einem verzweifelten Versuch, die zerbrochene Welt zu heilen.

          Und hier erhebt sich der Eisbär aus Kaliningrad auf seine weichen Pfoten gegen die Gewalt und für das moralische Gesetz in uns und den bestirnten Himmel über uns.

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