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Kolumbus ohne Kopf : Ein Schlag für wen?

  • -Aktualisiert am

USA, St. Paul: Eine Christopher-Kolumbus-Statue vor ihrem Umsturz Bild: dpa

Nichts ist dagegen zu sagen, Kolonialverbrecher aus dem Stadtbild zu entfernen. Doch das gute Gewissen, das diejenigen sich machen, die Denkmäler stürzen, ist selbstgerecht.

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          Die johlende Meute, die kürzlich in Bristol das Denkmal eines Sklavenhändlers aus dem 17. Jahrhundert in den Avon stürzte, kam sich außerordentlich politisch und antikolonial vor. Genauso wie diejenigen, die in Boston gerade eine Statue von Christoph Kolumbus einen Kopf kürzer gemacht haben. Oder jene, die ihre Empörung über Rassismus gerne an einem Standbild Churchills auslassen würden. Ob Immanuel Kant auch bald dran ist, wissen wir nicht. Müsste er nach der Logik solcher „Politik“ eigentlich sein, aber Kaliningrad ist weit. Doch selbst Bismarck hat es neulich in Hamburg-Altona nicht geholfen, dass er kein Verfechter kolonialer Eroberungen war.

          Man kann solche Aktionen der Zerstörung, des Vom-Sockel-Holens und des Beschmierens von Statuen in die Tradition der Bilderstürmerei stellen. Gerade dann aber fällt ein Unterschied der gegenwärtigen zu vergangenen Protesten auf. Es fehlt nämlich eine Revolution, ein gesellschaftlicher Umbruch. Die Taten stehen, anders als historische Bildzerstörungen, nicht im Kontext einer Reformation oder eines Regimewechsels. Hier wird kein Sieg durch Bildersturm bekräftigt, die Statue fällt nicht in einem Krieg. Es sei denn, man würde von einem Krieg gegen lokale Denkmalbehörden sprechen, die beispielsweise sich in Bristol taub stellten, als Bürger verlangten, man möge doch am Denkmal erwähnen, dass der Gezeigte ein Sklavenschinder war.

          Der größte Erfolg ist die Berichterstattung

          Das größte Risiko, das die Aktivisten eingehen, ist darum eine Anzeige wegen Sachbeschädigung. Den größten Ertrag, den sie bislang erzielt haben, ist Berichterstattung. Dadurch haben ihre Aktionen einerseits etwas Selbstzufriedenes. Sie spielen Umsturz, und sie stürzen Spielzeug um. Zum anderen wirkt es akademisch, wenn ernsthaft geglaubt wird, mit der Enthauptung von Kolumbus sei nun endlich mal ein Zeichen gesetzt. Ein Zeichen wofür? Dafür, dass die Weltgeschichte eine Schlachtbank war und ist? Wer das vorher nicht wusste, weiß es auch nachher nicht. Man müsste darum Kulturwissenschaftler sein, um solche Taten für politisch zu halten.

          Es gibt solche Kulturwissenschaftler. Manche, zu deren Forschungsgebiet die Kolonialepoche gehört, erklären gerade ihre Sympathie für das Denkmalstürzen. Es sei sogar „notwendig und richtig“, heißt es, denn es führe zu mehr Bewusstsein. Oder zu einer Debatte. Zwar bleibt ganz unklar, ob sich Rassisten an ihr beteiligen werden oder das Bewusstsein der Polizei in Minneapolis von ihr erfährt. Begründet wird der Zusammenhang von Denkmalsturz und Weltverbesserung darum auch mit der Behauptung, Denkmale wie das von Bristol verherrlichten nicht nur den Rassismus, sondern förderten ihn auch.

          Der Historiker Jürgen Zimmerer, der mit dieser interessanten These hervorgetreten ist, hat freilich keine Forschung zur Hand, um sie zu begründen. Oder gibt es Studien, die nachweisen könnten, das tägliche Vorbeigehen an einem Bismarck-Denkmal mache jemanden zum Monarchisten, senke die Bereitschaft, SPD zu wählen, oder mobilisiere antikatholische Ressentiments? Gibt es nicht, aber die Forscher reden, wenn sie in den Medien solche Phantasien ausbreiten, ja auch gar nicht als Forscher, sondern als Erzieher.

          Nichts ist dagegen zu sagen, Kolonialverbrecher aus dem Stadtbild zu entfernen. Und warum nicht statt des Hindenburgdamms einen Marie-Juchacz- oder Hilarius-Gilges-Damm? Doch die Suggestion, das mache die Gesellschaft in den angesprochenen Dimensionen sozialer Niedertracht besser, ist abenteuerlich. Die Spezialisten sehen am Horizont eine riesige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ihre Fächer, wenn so viel umbenannt, umgeschrieben und vor allem debattiert werden muss. Deshalb sind sie geneigt, ihre eigene Welt mit derjenigen zu verwechseln, in der nicht Symbolpolitik die wichtigste ist; in der Gerechtigkeit nicht durch Verhandlungen mit dem Denkmalamt herbeigeführt werden kann; in der das Leid nicht abnimmt, wenn eine zusätzliche Tafel angebracht wird.

          Kolumbus einen Kopf kürzer. Was für ein Schlag für – ja, für wen? Churchills Standbild mit „Rassist“ beschmiert. Das Standbild derjenigen historischen Person, der es nicht am wenigsten zu verdanken ist, dass Großbritannien dem nationalsozialistischen Deutschland widerstand. Edward Colston in den Fluss geworfen – und in Bristol dadurch oder durch daran anschließende kolonialgeschichtliche Symposien jetzt endlich weniger rassistische Gesinnungen? Der Kontext der jüngsten Denkmalstürze ist kein Epochenumbruch und kein Regimewechsel. Sondern die schändliche Mordtat an einem schwarzen Amerikaner, mit dem und dessen Leidensgenossen sich solche Aktionen angeblich solidarisch zeigen. Und eine lange Geschichte des Kolonialismus und Rassismus, die bis in die Gegenwart reicht. Dass sie sich durch das Entfernen oder Besprühen von Standbildern beenden lässt, die von den meisten erst beachtet werden, wenn sie stürzen, scheint zweifelhaft. Das gute Gewissen, das sich die johlende Menge macht, indem sie etwas abmontiert, ist selbstgerecht.

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