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Koloniale Raubkunst : Wer fühlte sich beraubt?

  • -Aktualisiert am

Mit lilienweißen Händen? Leo Frobenius grub diesen Berliner Keramikkopf 1910 in Ife, Nigeria, aus. Bild: bpk/SMB/Dietrich Graf

Dem französischen Präsidenten wird empfohlen, alle kolonialen Objekte aus den Museen zurückzugeben. Nach den Rechtsvorstellungen der Menschen, welche sie herstellten oder hergaben, wird nicht gefragt. Ein Gastbeitrag.

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          In der Debatte um koloniale Provenienzen und die Restitution von Museumsobjekten aus ehemals kolonisierten Ländern ist ein Elefant im Raum. Der Elefant ist das Recht – die Frage, wann es sich um einen „Unrechtskontext“ handelt, wann dieser ein Thema für die Justiz ist oder sein sollte und wann eine Rechtspflicht zur Rückgabe besteht. Vielerorts wird das Fehlen rechtlicher Instrumente beklagt, um Rückgaben auf juristisch soliden Boden zu stellen. Die einen vollziehen deshalb juristische Winkelzüge, die anderen lassen politische Gremien entscheiden, wieder andere plädieren für eine Washingtoner Erklärung für die Kolonialzeit oder wollen durch „Third World Approaches to International Law“ eine Veränderung der Rechtspraxis erreichen. Viel geschrieben wird deshalb über koloniale Rechtsordnungen, über die Entwicklung des Völkerrechts, hard law und soft law, über deutsches öffentliches und privates Recht, früher und heute.

          Aus dem Blickwinkel der Sozial- und Kulturanthropologie jedoch fällt eine ganz andere Leerstelle in der Debatte auf: Kaum jemand fragt danach – geschweige denn untersucht genauer –, welche Rechtsvorstellungen und welches Rechtsempfinden beispielsweise 1884, 1904 oder 1915 in den vom Deutschen Reich kolonisierten Gesellschaften geherrscht haben. Vor dem Hintergrund welcher Normen und Rechtssysteme schenkten, tauschten, handelten oder überließen etwa afrikanische Akteure Dinge des Alltags oder des Kultus an Europäer? Vor dem Hintergrund welchen Rechts- und Gerechtigkeitsempfindens sahen Einheimische Dinge als gestohlen, erpresst oder geraubt an, wünschten und forderten sie zurück oder gaben sie für verloren? Welche Art von Reziprozität, Wiedergutmachung und auch Bestrafung, etwa für das Wegnehmen von Dingen, hielten sie für angemessen?

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