https://www.faz.net/-gqz-8zk93

Kölner Lesung für Deniz Yücel : Macht mehr Laune als ein Autokorso

  • -Aktualisiert am

Die Vorleser: Günter Wallraff, Oliver Welke, Thomas Gottschalk und Olli Dittrich (von links) trugen in Köln Texte von Deniz Yücel vor. Bild: Imago

Das Glas ist halbvoll: Während Erdogan in Hamburg bei G 20 verhandelt, findet in Köln eine prominent besetzte Solidaritätsveranstaltung für Deniz Yücel statt. Sie zeigt, wie wichtig es ist, den Humor nicht preiszugeben.

          4 Min.

          Es ist schon ein Glück und für die Neo-Osmanen vom Bosporus ein wahrlich verdientes Pech, dass der deutschtürkische Journalist Deniz Yücel, der wegen seiner Arbeit seit Mitte Februar in der Türkei in einer Art Geiselhaft einsitzt, so köstlich kurzweilige Texte schreibt, die bei allem Kenntnisreichtum stets pointiert und humorvoll sind. Auch sonst würde man in Deutschland Solidaritätsveranstaltungen im Namen der Presse- und Meinungsfreiheit abhalten, keine Frage. Yücel schrieb einmal, die Türken zögen einfach für ihr Leben gern hupend im Autokorso durch die Stadt, fast egal, welche Fahne sie dabei schwenkten. Das deutsche Pendant ist die Solidaritätsveranstaltung. Tibet, Palästina, Aleppo oder Yücel, auf unsere Empörung ist Verlass.

          Die zurzeit durchs Land ziehenden, vom #FreeDeniz-Freundeskreis organisierten Solidaritätsabende, bei denen Prominente aus Yücels Texten lesen, sind aber gar keine reine Sache der Moral, kein bedrückender Pflicht-, sondern ein Lusttermin, geprägt von erfrischend guter Laune, die angeheizt wird durch kopfschüttelnde Grußbotschaften des Inhaftierten – diesmal über die Bibliothek des berüchtigten Istanbuler Silivri-Gefängnisses, die offenbar besonders im dissidentischen Sektor überreich bestückt ist, so als hätte man die Bücher ebenfalls verhaftet. Und in eben dieser Stimmung liegt eine ungeheure Kraft. Hingerissen lauscht das Publikum den oft satirisch überspitzten, warmherzigen Analysen Yücels, in denen Deutschen wie Türken ihre Marotten um die Ohren geschlagen werden, die aber immer wieder auch zu Liebeserklärungen ausholen.

          Ein Abend für all jene, die schuldlos in Haft sitzen

          Besonders viel Prominenz aus der Unterhaltungsbranche hat sich an diesem Abend in Köln eingefunden, was an der Zusammenarbeit mit der Redaktion des Radiosenders Cosmo (ehemals Funkhaus Europa) liegen mag, aber sicher auch am Zeitpunkt dieser Veranstaltung just während der Ankunft Präsident Erdogans in Hamburg. Dass der türkische Präsident kurz vor dem G-20-Gipfel in einem nur noch aberwitzig zu nennenden Interview mit der „Zeit“ noch einmal kräftig nachlegen würde mit Vorwürfen gegenüber Deutschland im Allgemeinen und Deniz Yücel im Besonderen, dass er die Abschaffung der Pressefreiheit tatsächlich damit begründen würde, das Berichten über Terroristen sei selbst Terror, das hatte bei den Planungen freilich niemand ahnen können. Umso entschlossener enterte man die Bühne des WDR-Funkhauses, störte sich nicht einmal daran, dass das Wasserglas auf dem Lesepult nie gewechselt wurde – ein Wasserglas für ein Dutzend Vortragende, das man immer für den Nächsten füllte. Thomas Gottschalk machte einen Witz darüber, nahm den Kelch dann aber doch. Das gibt es sonst nur bei Protestanten.

          Weitere Themen

          Aber lass mir meine Panzerfaust! Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Terminator: Dark Fate“ : Aber lass mir meine Panzerfaust!

          Der neuste Teil aus dem „Terminator“-Franchise vergisst die letzten drei Teile und setzt beim „Tag der Abrechnung“ an. F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath hat ihn gesehen und weiß, wie sich Mensch und Maschine endlich vertragen könnten.

          Topmeldungen

          Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

          Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.
          Nicht unantastbar: Werke von Peter Handke

          Der Autor Peter Handke : Lest ihn doch einfach mal!

          Demokratie ist, wenn man sich irren darf: Peter Handke schreibt schwierige, verwinkelte Texte eines Zweifelnden, die mitunter auch zweifelhaft sind. Aber sie sind keine Kriegserklärungen. Ein Gastbeitrag.
          Mal wieder Münchner Mitarbeiter des Abends: Robert Lewandowski

          3:2 in Piräus : Bayern retten sich ins Ziel

          Die Bayern geraten bei Olympiakos Piräus früh in Rückstand und unter Druck – aber auf Torjäger Lewandowski ist Verlass. Für die Münchner Abwehr gilt das beim 3:2-Sieg schon wieder nicht.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.