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Kölner Lesung für Deniz Yücel : Macht mehr Laune als ein Autokorso

  • -Aktualisiert am
Seit dem 27. Februar 2017 in Haft: Der Türkeikorrespondent der „Welt“, Deniz Yücel

Hauptorganisatorin der Leserunde ist Doris Akrap von der „taz“, die gleich darauf hinwies, dass der Abend auch allen anderen Journalisten und Intellektuellen gewidmet sei, die zu Hunderten schuldlos in türkischen Gefängnissen darben. Deniz Yücel, der von 2007 bis 2015 Redakteur der „taz“ war, bevor er zur „Welt“ wechselte, und seine ebenfalls auftretende Schwester Ilkay kennt die Journalistin noch aus der Schulzeit. Eine ganze Reihe von Mitabiturienten ist gekommen. Als Doris Akrap aber anmerkte, viele der Anwesenden hätten wohl noch nie den Text eines „Knastbruders“ vorgetragen, setzte Günter Wallraff sogleich sein „Na, na, junge Dame“-Gesicht auf. Wallraff hatte beim Eröffnungsabend zur jüngsten Litcologne, bei dem der ehemalige „Cumhuriyet“-Chefredakteur Can Dündar zu Gast war, eine spontane Klingelbeutelaktion ins Leben gerufen, die er an diesem Abend („Es sind einige Großverdiener da“) wiederholte. Das war neben einer kurzen Invektive des mit Hund und in Trainingsklamotten angereisten Komikers Oliver Polak gegen den seiner Meinung nach zu israelkritischen „Freitag“ die einzige Abweichung von der strikten und gelungenen Regie, nach der sich die Lesenden lediglich mit einem Satz vorstellen und sich dann auf den Text konzentrieren.

So las Oliver Welke – „Ich moderiere im ZDF so ’ne Art Fake-News-Sendung“ – mit genau richtiger Emphase zwei neuere Texte Yücels, in denen er ohne jede Larmoyanz die Bedingungen seiner Haft beschreibt. Thomas Gottschalk, der Wert darauf legte, nicht gekommen zu sein, „weil es gerade kein Möbelhaus zu eröffnen gibt“, sondern weil ihm der Einsatz für die Pressefreiheit „ein echtes Anliegen“ sei, las eine Abrechnung Yücels mit inquisitorisch auftretenden Linksdogmatikern, die selbst den historisch-kritischen Gebrauch des Wortes „Neger“ als moralischen Verstoß ansehen – eine ähnlich verdrehte Denkfigur wie Erdogans Haltung zur Berichterstattung über Terrorismus.

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Sowohl Carolin Emcke (per Video) als auch der Filmemacher Osman Okkan präsentierten Texte, die im Umfeld der Istanbuler Gezi-Park-Proteste entstanden sind. Die freigesetzten Energien machten damals nicht nur Yücel Hoffnungen auf eine ganz neue, friedliche, versöhnte Türkei. Vier Jahre ist das erst her – und scheint doch so unendlich weit fort. Ein ähnliches Gefühl stellte sich ein, als Christine Westermann – „Mein Beruf ist Journalistin“ – einen Text aus dem Jahr 2006 las, der angesichts des schwarzrotgoldenen Fahnenmeers rund um die Fußball-Weltmeisterschaft Entwarnung gab: Die Abwehrkämpfe gegen Migranten schienen vorbei, der Rassismus weitgehend besiegt, Deutschland auf einem gesunden Weg zu sich selbst. Heute stehen wir kurz vor dem Einzug einer xenophoben Partei in den Bundestag. Da tat die von Wallraff gelesene, feurige Abrechnung mit der verlogenen „Aber“-Argumentation, die Islamisten mit Rechtspopulisten teilen, der Seele gut.

Doch mit Depressivität ist niemandem geholfen, und so hoben andere Texte die Stimmung wieder, etwa der sehr launige über bemitleidenswert naive, stark parfümierte („eher Rossmann als Chanel“) Pegida-Demonstrantinnen, den Else Buschheuer wiedergab, oder der von Yücel fingierte Prolltürkendialog, den der Comedian Fatih Cevikkollu aufführte. Für den vortragskünstlerischen Höhepunkt sorgte allerdings Olli Dittrich, der als begnadeter Stimmenimitator in die Rolle des Bayram Karamollaoglu schlüpfte, einer von Yücel für die „Jungle World“ entwickelten Kunstfigur, die aus anatolischer Sicht über Kreuzberg radebrecht: „wie anatolische Dorf, nur deutsche Staat zahle Kindergeld“. Leichten Herzens verließ man diese Veranstaltung, die nicht nur gezeigt hat, wie wichtig öffentliche Aufmerksamkeit für die Verfolgten und Inhaftierten in Unrechtsregimen ist, sondern auch, welche gesellschaftsbildende Macht im Humor steckt.

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