https://www.faz.net/-gqz-9vnv8

Christopher-Street-Day-Motto : Das neue Tabu

Demonstranten beim Kölner Christopher Street Day 2018 Bild: EPA

Warum haben die Kölner Organisatoren das CSD-Motto „Einigkeit! Recht! Freiheit!“ wieder verworfen? Für das Recht und die Freiheit der Menschen, deren Geschlechtsleben von der alten Norm abweicht, ist in dieser Republik noch nicht alles erreicht.

          2 Min.

          Eigentlich hätten die Ausrufezeichen genügen müssen, um die Kritiker zu widerlegen. Das Motto für den Kölner Christopher Street Day sollte in diesem Jahr „Einigkeit! Recht! Freiheit!“ lauten. Und eben nicht „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Es war das Nötige zur Vermeidung des Missverständnisses getan, die (erweiterte) Homosexuellenbewegung wolle sich mit dem Zitat der deutschen Nationalhymne dem Staat an den Hals werfen und die Nation vergöttern. Denn die drei Wertbegriffe aus dem „Lied der Deutschen“, die bei staatlichen Feierlichkeiten in Haydns Legato erklingen, sollten auf dem Straßenfest unter der Regenbogenfahne skandiert werden: je für sich gerufen, gebrüllt, herausgeschrien.

          Sie wären als Forderungen artikuliert worden, und das Publikum am Straßenrand hätte begriffen und gespürt, dass für das Recht und die Freiheit der Menschen, deren Geschlechtsleben von der alten Norm abweicht, in dieser Republik noch nicht alles erreicht ist. Der Aufruf „Einigkeit!“ hätte in dieser Lage als an die eigene Community adressiert verstanden werden müssen: Bleiben wir einig, für Freiheit und Recht! Im Namen der Rücksicht auf Teilnehmer, bei denen die Symbole des Staates schmerzhafte Assoziationen provozieren, haben die Veranstalter ihren bündigen Wahlspruch, der sowohl etwas zu rufen als auch etwas zu denken gab, durch die Banalität „Für Menschenrechte“ ersetzt.

          Über die politische Reife einer Bewegung, die bürgerrechtliche Avantgarde sein will, sagt diese Entscheidung für eine alkoholfreie Mottovariante nichts Gutes. Ist nicht die Anerkennung von Diversität und Ambivalenz das, was die kostümierten Zwetschgen, Bananen und Passionsfrüchte eines CSD-Zugs ihren Mitbürgern vorleben wollen? Die Ambiguitätstoleranz hätte sich an der deutschen Nationalbewegung zu bewähren. Kann man nicht doch über das Gewaltsame und Chauvinistische schon des frühen Nationalismus sprechen, ohne das Emanzipatorische und Egalitäre eines Volksbegriffs zu leugnen, der übrigens ebenfalls schon in Volksfesten Gestalt gewann?

          Dass sich an die Nation einmal ein starkes und auch gut begründetes Gefühl fesselte, ist heute das Unaussprechliche – während gleichzeitig die Rücksicht auf Gefühle als oberstes Gebot einer Politik für Menschenrechte gepredigt wird. Als einen Reigen malte sich Hoffmann von Fallersleben seine Deutschen aus: „Brüderlich mit Herz und Hand“. Die Vermutung, dass in die demokratische Vaterlandsliebe als Liebe unter Gleichen auch sexuelle Energie schoss, ließ den homosexuellen Historiker George Mosse die Abgründe der deutschen Männerbünde erforschen. In der Schwulenhauptstadt Köln verbietet diesen Gedanken heute die Prüderie.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Freigang nach Noten

          FAZ Plus Artikel: Berliner Gefängnistheater : Freigang nach Noten

          Das Berliner Gefängnistheater aufBruch spielt „Fidelio“ in der Justizvollzugsanstalt Tegel. In seinem 250. Geburtstagsjahr ist zwar überall Beethoven zu hören – doch wohl nirgendwo so verzweifelt schön wie hier.

          Topmeldungen

          Eine chinesische Touristin trägt beim Besuch des Kolosseums in Rom Mundschutz: In Italien ist der erste Europäer an dem neuartigen Coronavirus gestorben.

          Italien : Erster Europäer an neuartigem Coronavirus gestorben

          Die WHO warnt vor einer weiteren Ausbreitung der Lungenkrankheit außerhalb Chinas: Während die Fallzahlen dort sinken, meldet Südkorea einen sprunghaften Anstieg der Infektionen. Passagiere der „Diamond Princess“ sind in Berlin gelandet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.