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Die Krise der Stadt : Köln verspielt sein Potential

Nach der Silvesternacht galt ihre Sorge dem Karneval: Oberbürgermeisterin Henriette Reker feiert mit dem Kölner Dreigestirn. Bild: dpa

Eine historische Stadt wird zur Beute der Events, der Wildpinkler und Vergnügungssucht. Dass ausgerechnet Köln zum Paradefall für den Verlust an Urbanität geworden ist, entbehrt nicht tragischer Ironie. Ein Kommentar.

          Wir haben gemeinsam Maßnahmen entwickelt, damit es solche Vorfälle hier nie wieder gibt“, sagte die Kölner Oberbürgermeisterin am 6. Januar zu den Übergriffen in der Silvesternacht: „Aber ebenso wichtig ist, dass wir uns das Karnevalfeiern durch solche Vorfälle nicht nehmen lassen.“ Nicht den misshandelten Frauen galt die erste Sorge, sondern der angelaufenen Session. Auch darin repräsentiert Henriette Reker ihre Stadt. Schließlich gibt es in Köln nichts Wichtigeres als die fünfte Jahreszeit. Die Verwaltung hat für die tollen Tage ein Sicherheitskonzept erarbeitet. An Weiberfastnacht waren fast dreitausend Ordner im Einsatz, der Rosenmontagszug findet unter Polizeischutz statt. Security Points, Videoüberwachung, Handzettel auch auf Arabisch. Eines dürfte gewährleistet sein: dass die Polizei die Narren besser im Blick hat als die Kölner ihre Stadt.

          Der Einsturz des Historischen Archivs; die Kommunalwahl, bei der in einem Bezirk die Stimmen von CDU und SPD vertauscht wurden; die Sanierung von Opern- und Schauspielhaus, deren Wiedereröffnung um mindestens zwei Jahre verschoben wurde; die OB-Wahl, die wegen falsch gedruckter Stimmzettel fünf Wochen später stattfand; die Silvesternacht, in der die Polizei – wie bei der Hogesa-Demo im Herbst 2014 – einen rechtsfreien Raum zuließ. Pannen, Pleiten, Peinlichkeiten und kein Ende: immer wieder Köln. Die alte Colonia ist aus dem Gleichgewicht.

          Schwächung der Mitte

          Das gibt es anderswo auch, sagen die Kölner. Als wäre das eine Erklärung, das Problem damit gelöst. Aber auch in dieser Häufung? „Das hätte in jeder anderen Stadt auch passieren können“, sagte OB Reker im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und wenige Sätze später: „Aber ich habe schon den Eindruck, dass Leute nach Köln kommen, die denken, man könne sich hier so schlecht benehmen, wie man will.“ Nur, warum denken die Leute das? Es muss also doch etwas mit Köln zu tun haben, damit, wie es sich darstellt und wahrgenommen wird.

          Eingriffe, die den Organismus der Stadt beschädigen, ihr Lebensgewebe zerschneiden, ihre Geschichte missachten, ihre Vielfalt und Einheit, Stabilität und Einmaligkeit bedrohen – dieser Verfall zeigt sich an allen Ecken und Enden. Die Stadt hat, als sie das Amt für Brücken- und Stadtbahnbau amputiert und die Zuständigkeit für den U-Bahn-Bau den Verkehrsbetrieben übertragen hat, den Einsturz des Archivs nicht herbeigeführt, aber bewährte Sicherheitsstrukturen gelockert: Mit dem Archiv hat sie ihr Gedächtnis verloren, und dass sein Neubau nicht, wie geplant, 2015, sondern frühestens 2020 errichtet ist, verlängert die Amnesie. Mit dem Opern- und Schauspielhaus, die für acht oder mehr Jahre ausgelagert werden, hat sie ihre Mitte geschwächt und Orte aufgegeben, an denen die Bürger zusammenfinden und sich über das Gemeinwesen verständigen.

          Hier ist immer was los

          Ein schleichender Prozess der Erosion und des Outsourcings findet statt, Funktionen, die das Gefüge der Stadt konstituieren, Bindungskraft und Zugehörigkeitsgefühl vermitteln, werden suspendiert, stillgelegt, oder sie liegen brach. Es stört in Köln zum Beispiel niemanden, dass das „Dom-Hotel“, ein Ort besonderer Öffentlichkeit im Stadtkern, einfach mal mehrere Jahre geschlossen bleibt. Auch die Lokalpresse gehört zum Herz eines Gemeinwesens, das in Köln nur noch halb schlägt. Ist es Zufall, dass der „Kölner Stadt-Anzeiger“, der 1998 nach Niehl gezogen ist, am 2. Januar seinen Kommentar, dem Polizeibericht gemäß, „Danke an alle Einsatzkräfte“ überschrieb, wohingegen die „Kölnische Rundschau“ mit „Frauen ausgeraubt und sexuell belästigt“ aufmachte? Die „Rundschau“-Redaktion liegt, einen Steinwurf vom Tatort entfernt, neben der Polizeiwache, wo die ersten Anzeigen erstattet wurden.

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          Die Verluste an Urbanität gehen einher mit einer Umdefinition des öffentlichen Raums, der zur Abspielstätte von Events banalisiert wird. Kölner Lichter, Christopher Street Day, Veedels- und Straßenfeste, „Tag des guten Lebens“, die krakenhaft wuchernden Weihnachtsmärkte – in Köln ist immer was los. Allein 2015 kamen zwei Feiertermine dazu: „Jeck im Sunnesching“, das im August auf den Karneval einstimmt, und „Loss mer singe“, das am vierten Advent dreißigtausend Menschen zum Weihnachtsliedersingen ins Stadion zog.

          Köln ist nicht allein

          Die Stadt als Party-Park. Köln vermarktet seine Seele, verspielt sein zivilgesellschaftliches Kapital. Auf dem Brüsseler Platz stehen jeden Abend mehrere hundert Leute, reden, trinken, werden laut, verrichten ihre Notdurft, hinterlassen Müll. Längst steht der „Hot Spot“ im Reiseführer. Auch der kostbarste Schatz der Stadt ist Indikator ihres Niedergangs. Der Dom ist vieles: Gotteshaus, Architekturwunder, Wahrzeichen, Weltkulturerbe, Touristenattraktion, Identifikationsanker – und Urinal. Wildpinkler setzen dem Stein und den Bronzetüren so stark zu, dass die Dombauhütte vor der Nordfassade einen Schutzzaun errichten wird.

          Die Auflösung der historischen Stadt ist kein Kölner Alleinstellungsmerkmal. Doch dass eine der ältesten deutschen Städte das Paradigma dafür abgibt, ist nicht ohne tragische Ironie. So wie die Kölner sich dazu verhalten, scheint der Niedergang unaufhaltsam. Dabei ist er aufzuhalten.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

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