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Köln : Kreuz und Kröte

Mahnerin: Barbara Schock-Werner vorm Dom Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Seit die Unesco den Kölner Dom auf die Rote Liste „Welterbe in Gefahr“ gestellt hat, ist die Organisation in der Stadt schlecht angesehen. Die Dombaumeisterin Schock-Werner fordert Köln auf, den Dialog mit der Unesco zu suchen.

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          Noch keine zehn Jahre ist es her, da war die Unesco in Köln eine überaus beliebte und angesehene Organisation. Denn mit der Aufnahme des „stolzesten Wahrzeichens der Stadt“ in ihre Welterbeliste hatte sie dieser, so der „Stadt-Anzeiger“ am 7. Dezember 1996, „ein schönes, aber auch verpflichtendes Nikolaus-Geschenk“ gemacht. „Wir wollen alles versuchen, um die große Auszeichnung... nicht nur zu würdigen, sondern in eine tatkräftige Sorge mit hinein zu nehmen“, freute sich der Dompropst in adventlichem Kirchendeutsch, und auch der Oberstadtdirektor quittierte die „wunderbare Nachricht“ mit einem Versprechen: „Die Stadt wird den eingeschlagenen Weg, das Erscheinungsbild der Dom-Umgebung behutsam weiterzuentwickeln, konsequent weitergehen.“

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Seit die Unesco den Dom im Juli 2004 auf die Rote Liste „Welterbe in Gefahr“ gestellt hat, ist von dieser Wertschätzung nicht viel geblieben. „Heute wird die Unesco in Köln gleichgesetzt mit irgendeiner Bürgerbewegung, die sich zum Beispiel die Rettung der Kreuzkröte zum Ziel gesetzt hat“, wundert sich Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner im Gespräch mit dieser Zeitung: „Ich muß immer wieder darauf hinweisen, daß es sich da nicht um selbsternannte Apostel der Weltverbesserung, sondern um ein Gremium handelt, das von der Völkergemeinschaft aufgerufen ist, die schönsten und wichtigsten Plätze der Welt für die nächsten Generationen zu retten. Das Komitee sieht diesen Auftrag von allen Seiten gefährdet, und dabei geht der Druck eigentlich immer von Investoren aus. Deshalb ist es auch überaus kritisch. Aber es kann ja wohl nicht sein, daß, was für Afrika oder Asien gilt, nicht auch für Köln gilt.“

          Unesco im schiefen Licht

          Auch Köln sieht sich in diesem Konflikt: „Kölns Wirtschaftswachstum hat Vorfahrt vor einem inflationären Weltkulturerbe“, gibt der mächtige Verleger vor Ort im „Express“ die Richtung vor, und im „Stadt-Anzeiger“ häufen sich Leserbriefe, die die Unesco in ein schiefes Licht rücken: „Die Unesco ist eine sehr amorphe Organisation ohne klare demokratische Strukturen. Deshalb sind wichtige Staaten wie die Vereinigten Staaten erst gar nicht Mitglied“, befindet einer. Ein anderer behauptet: „Derzeit haben wir allein in Deutschland über sechzig Eintragungen.“ Ziemlich genau das Gegenteil ist richtig: Die Unesco verfährt mit Neuaufnahmen in die Liste inzwischen überaus restriktiv, und inflationär sind allenfalls die Anträge; die Vereinigten Staaten sind seit 2003 wieder Mitglied der Unesco und hatten sich, auch als sie es nicht waren, intensiv bemüht, die Everglades von der „Roten Liste“, auf der sie seit 1992 stehen, wieder herunterzubekommen; in Deutschland gibt es derzeit einunddreißig Welterbestätten.

          In einem dpa-Gespräch hat der Kölner Oberbürgermeister am vergangenen Wochenende seine Kritik an der Entscheidung der Unesco, den Dom ein weiteres Jahr auf der „Roten Liste“ zu belassen (siehe auch: Kölner Dom bleibt auf der Roten Liste der Unesco), einmal mehr mit dem Versuch verknüpft, das Welterbekomitee unter Ideologie-Verdacht zu stellen: „Hier geht es ganz eindeutig um eine ideologische Auseinandersetzung, um eine Aversion gegen Hochhäuser von einigen Hardlinern in der Kommission, und die sind leider bestimmend“, sagte Fritz Schramma.

          Prinzipiell einstimmige Entscheidungen

          Beide Vorwürfe hält die Dombaumeisterin, die die Debatte in Durban verfolgt hat, für unzutreffend: „Da gibt es keine prinzipiellen Hochhausgegner. Wien hat ja eine große Zahl von Hochhäusern auf der anderen Donauseite, die gar nicht kritisch herangezogen wurden, da sie sich nicht in optischer Nähe zur historischen Altstadt befinden.“ Davon zu sprechen, daß das Komitee von Hardlinern dominiert werde, findet Barbara Schock-Werner kontraproduktiv: „Natürlich gibt es unterschiedliche Standpunkte, aber da die Mitglieder des Komitees Entscheidungen prinzipiell einstimmig treffen, fordert man mit solchen Äußerungen deren Solidaritätsgefühl geradezu heraus.“

          „Das Problem“, so Schock-Werner, „daß die Unesco in dieser Stadt nicht richtig ernst genommen wird“, bildet sich auch in der Berichterstattung des „Stadt-Anzeigers“ ab. So weiß der Leiter seiner Lokalredaktion nicht, daß Hochhäuser wie der Fernsehturm oder der Nouvel-Turm im Media-Park, die vor der Welterbe-Anerkennung gebaut oder geplant wurden, anderen Kriterien unterliegen als Bauten, die danach projektiert wurden. „Dieses ,Wir brauchen uns in Köln das nicht sagen zu lassen'“, so die Dombaumeisterin, „ist der falsche Ansatz“: „Es ist wichtig, mit der Unesco in einen Dialog zu treten und diplomatisch vorzugehen. Man kann bei Leuten, die man pausenlos verärgert, nichts erreichen.“

          Dabei steht für Barbara Schock-Werner außer Frage, „daß die Stadt ihre Planung revidieren muß: Das heißt aber keineswegs, daß Köln da nicht bauen soll. Vielmehr wurde von mehreren Rednern hervorgehoben, daß die Stadt das Recht und die Pflicht habe, dieses rechtsrheinische Gebiet zu entwickeln, nur eben in anderen Architekturformen.“ Schließlich gehe es um das Ansehen des ganzen Landes: „Ich hatte nicht den Eindruck, daß der Vertreter des Auswärtigen Amtes es hinnehmen wird, daß die Bundesrepublik mit dem Kölner Dom als erster Staat von der Welterbeliste fliegt.“ Wie schwer es ist, das in Köln zu vermitteln, davon kann die Dombaumeisterin ein ironisches Lied singen: „Manchmal stelle ich mir die Frage, wann Köln aus der UN austritt.“

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