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Kobane ist überall : Wir müssen uns wehren

  • -Aktualisiert am

Kobane in diesen Tagen Bild: AFP

Gegen den immer radikaler werdenden Islamismus. Und gegen den populären Anti-Islamismus. Was seit Wochen in Kobane passiert, betrifft uns alle, Eine Trennung zwischen dort und hier ist nicht mehr möglich. Ein Aufschrei

          5 Min.

          Vor ein paar Jahren, bei einer Veranstaltung in der Berliner Akademie der Künste, sollte ich der Frage nachgehen, warum kein breiter gesellschaftlicher Protest gegen die Morde des NSU und das Versagen der Behörden aufkam. Ich versuchte, Antworten zu finden, und endete mit der Aufforderung, man müsse sich konsequent gegen den politischen Islam stellen. Ich war überzeugt davon, dass die Kritik an religiös motivierter Repression nicht Rechtspopulisten und rassistischen Demagogen überlassen werden dürfe. Ich spürte, dass meine Gedanken für Irritationen sorgten. Später kritisierte mich ein Freund dafür, dass ich mit meinem Aufruf in die Anti-Islam-Falle getappt sei.

          Der Einwand kam nicht von ungefähr. Denn die Kritik des Rassismus ist ohne die Kritik des Anti-Islamismus nicht denkbar. Seit dem 11. September 2001 ist der Islam auch in Deutschland zur Chiffre geworden für eine rassistische Diskriminierung, die sich nicht nur auf den Plakaten von Rechtsradikalen findet. Von intellektuellen Interventionen bis zur Islamkonferenz gibt es zahlreiche Anstrengungen, nicht nur dieser Diskriminierung etwas entgegenzusetzen. Es geht vor allem darum, einer gesellschaftlichen Realität, nämlich der Existenz einer Weltreligion in Deutschland, Legitimität zu verschaffen und den Dialog der Religionen voranzutreiben.

          Ob wir das wollen oder nicht: Die Religion wird immer wichtiger, wenn es darum geht, auszuloten, was die Parameter des gesellschaftlichen Zusammenlebens in einem von Migration und Einwanderung geprägten Deutschland sein sollen. Mir geht es nicht um Muslime in Deutschland. Mir geht es nicht um den Glauben des Einzelnen und wie er ihn praktiziert. Wer an Allah glaubt und sein Leben danach ausrichtet, bitte schön.

          Warum meine Eltern sagten, sie stammten aus Elazig

          Mir geht es darum, dass sich dieser jemand in mein Leben einmischt. Mir geht es darum, welche Repression aus der Glaubenspraxis erwächst. Mir geht es darum, dass der politische Islam, der heterogen ist und unterschiedlichste Machtformen ausbildet, sich radikalisiert. Dies hat Folgen, weil so unser Leben unfreier, undemokratischer, rassistischer, sexistischer, homophober und unästhetischer wird. Das ist kein Monopol des sich radikalisierenden politischen Islams, nur habe ich aufgrund meiner Sozialisation hier meine Berührungspunkte.

          Ich erinnere mich daran, dass meine Eltern früher auf die Frage, woher sie stammen, die Ortschaft Elazig nannten und nicht Tunceli, weil Tunceli sie eindeutig als Aleviten ausgewiesen hätte; in dieser Provinzstadt leben nämlich fast keine Sunniten, die aber in Elazig und in der Türkei die Mehrheit bilden. Das kemalistische Regime rühmte sich der Trennung von Staat und Religion, was aber nicht hieß, dass in der Türkei alle Konfessionen und Religionen gleichberechtigt existierten.

          Im Winter 1978 bekam ich als Grundschüler in Tunceli mit, dass einige Hundert Kilometer weiter, in der Stadt Maras, der islamistische Mob ein Pogrom gegen die alevitische Gemeinschaft verübte. Ich war in der dritten Klasse und wusste nicht, was Alevitentum sei. Aber inzwischen ahnte ich, dass es nicht grundlos war, dass meine Eltern auf Elazig setzten.

          Meine Wut ist nicht erloschen

          Es war eine der hilflosesten und wütendsten Stunden meines Lebens, als ich zwei Jahrzehnte später, am 2. Juli 1993, in einem anatolischen Männercafé in Frankfurt auf einen überdimensionalen Bildschirm starrte und sah, wie in der Innenstadt von Sivas islamische Fundamentalisten das Hotel „Madimak“ in Brand steckten und 32 Menschen töteten. Dort waren Schriftsteller, Tänzer und Musiker untergebracht, die an einem alevitischen Festival zu Ehren Pir Sultan Abdals teilgenommen hatten.

          Meine Wut ist nicht erloschen. Sie kocht wieder in mir, während ich die barbarischen Taten des Islamischen Staates verfolge, die uns mehr angehen, als wir es uns heute ausmalen. Damit meine ich nicht die Angst deutscher Politiker, Konflikte aus Syrien und dem Nordirak könnten auf hiesigen Straßen ausgefochten werden. Was seit Wochen in Kobane passiert, betrifft uns alle, da die Trennung zwischen dort und hier nicht mehr möglich ist. Anders gesagt: Kobane liegt nicht nur in Rojava, im heutigen Syrien. Kobane ist überall, also auch in Deutschland.

          So widersprüchlich es auch klingen mag: die in Deutschland als terroristisch eingestufte und verbotene PKK und ihre Schwesterorganisation YPG führen seit mehr als einem Monat nicht nur einen Kampf gegen den Islamischen Staat. Sie verteidigen ein kommunales Demokratieexperiment, in dem Menschen unterschiedlicher Ethnien und Glaubensrichtungen friedlich zusammenleben sollen. Mit diesem Modell sollen auch patriarchale Strukturen sukzessive überwunden werden - manifestiert in der gleichberechtigten Beteiligung von Frauen in gesellschaftlichen und politischen Institutionen.

          Das Regime Erdogan unterstützt den IS logistisch

          Ich weiß zu wenig, um beurteilen zu können, inwieweit dieses Rojava-Modell gesellschaftliche Realität ist. In jedem Fall ist es vielen Staaten in der Region ein Ärgernis. Dass die AKP-Regierung mit der PKK Gespräche aufgenommen hat, um den bewaffneten Konflikt in der Türkei zu beenden, hat neben vielen Gründen damit zu tun, dass im Nordirak und Rojava die Kurden Autonomie erlangten.

          Wenn Kobane fallen und das Modell in Rojava scheitern sollte, ist das vermutlich im Sinne der Machthaber in Ankara. So wäre der kurdische Gürtel an der türkischen Grenze Geschichte, die Verhandlungsposition der PKK geschwächt. Nicht von ungefähr leistet das Regime Erdogan logistische Unterstützung für die Kämpfer des IS und sieht mehr oder weniger tatenlos zu, wie sie sich in der Türkei weiter organisieren.

          Es sind extrem widersprüchliche Zeiten, in denen wir leben. Nicht der Nato-Partner Türkei, der vor einigen Jahren noch vom Westen als Modell für eine Demokratie mit islamischer Prägung betrachtet wurde, sondern die PKK und ihr nahestehende Organisationen führen den Kampf gegen den Terror des IS und verteidigen die demokratischen Rechte, auf die der Westen immer noch ein Copyright beansprucht. Eine andere Facette der neuen Verwirrtheit schimmert durch, wenn rechtsradikale Hooligans und Skinheads, die zur Jagd auf Dschihadisten und Salafisten aufrufen, übersehen, dass sie ihresgleichen bekämpfen wollen.

          Wäre es nicht geboten, jetzt wieder die Stimme zu erheben?

          All das müsste uns elektrisieren, denn es steht viel auf dem Spiel. Doch es ist seltsam still. Still im Sinne einer gesellschaftlichen Debatte und einer künstlerisch-intellektuellen Intervention. Nur wenige - wie der Schriftsteller Navid Kermani - ergreifen in diesem Sinne das Wort. Nun könnte man einwenden, dass der barbarische Terror des Islamischen Staates nichts mit dem eigenen muslimischen Glauben zu tun hat. Genau das könnte ein Anfang sein, eine politisch-diskursive Grenzziehung, die konsequent auch dem reaktionären Salafismus etwas entgegenstellt.

          Schriftsteller, Künstler, Medienmacher, die sich als „deutsche Muslime“ bezeichnen, mal mehr, mal weniger öffentlich ihren Glauben als Teil ihrer Identität verstehen, sind inzwischen zu wichtigen Ratgebern für Politiker und gesellschaftliche Akteure hier geworden. Man sucht ihre Nähe und stellt sich ihren Fragen. In einem offenen Brief an den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff wiesen einige von ihnen auf Diskriminierung von Muslimen in Deutschland hin und forderten Wulff auf, für „Leitsätze einer offenen, von gegenseitigem Respekt geprägten demokratischen Kultur einzustehen und öffentlich für sie zu werben“.

          Wäre es nicht jetzt geboten, genau in diesem Sinne wieder die Stimme zu erheben und Antreiber einer Kritik des sich radikalisierenden politischen Islams zu sein? Denn der stellt so ziemlich alles zur Disposition, was „demokratische Kultur“ und gegenseitiger Respekt meinen könnte.

          „Du bist nicht einer von uns“

          In Deutschland ist die ethnisch-religiöse Herkunft keine Treppenstufe und keine Hilfskonstruktion, sondern immer noch ein Pflichtfach, das man nicht abwählen kann. Das ist nicht nur Ergebnis einer Zuschreibung der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Es hat auch damit zu tun, dass viele Kulturschaffende sich dieser Pflicht annehmen, wenn sie Geschichten der Migration auf Theaterbühnen inszenieren oder in Romanen erzählen, was ja immer häufiger geschieht. So werden sie nicht nur zu role models bei der Suche nach dem viel bemühten neuen „Wir“, sondern auch zu wichtigen Multiplikatoren für das politische Establishment der Türkei.

          Das Bemühen um die erfolgreichen, gläubigen und konformen Vorbilder steht bei der AKP-Regierung schon länger auf der Agenda. Man trifft sich bei Ayran und Sesamkringel in der türkischen Botschaft in Berlin oder tauscht sich bei Strategieworkshops in Luxushotels in Antalya aus, wo Repräsentanten des türkischen Staats mit deutsch-türkischen Künstlern aus Almanya über Integration und das muslimische Leben in Deutschland parlieren.Letzteres erzählte mir ein preisgekrönter Künstler, dessen Eltern vor Jahrzehnten aus der Türkei eingewandert sind. „Warum werde ich eigentlich nicht eingeladen“, fragte ich ihn beim Kaffee in einem Kreuzberger Hinterhof. „Du bist nicht einer von uns“, lächelte er.

          Es hilft alles nichts: Damit das Leben hier und da mit seinen Chancen und Risiken, Sprungbrettern und Fallen, Glücksmomenten und Enttäuschungen, gelingen kann, braucht es eine Haltung der Einmischung und Kritik - dieser Tage sowohl gegen den reaktionären politischen Islam, den Faschismus des IS als auch den rassistischen Anti-Islamismus in Deutschland.

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