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Kobane ist überall : Wir müssen uns wehren

  • -Aktualisiert am

Kobane in diesen Tagen Bild: AFP

Gegen den immer radikaler werdenden Islamismus. Und gegen den populären Anti-Islamismus. Was seit Wochen in Kobane passiert, betrifft uns alle, Eine Trennung zwischen dort und hier ist nicht mehr möglich. Ein Aufschrei

          Vor ein paar Jahren, bei einer Veranstaltung in der Berliner Akademie der Künste, sollte ich der Frage nachgehen, warum kein breiter gesellschaftlicher Protest gegen die Morde des NSU und das Versagen der Behörden aufkam. Ich versuchte, Antworten zu finden, und endete mit der Aufforderung, man müsse sich konsequent gegen den politischen Islam stellen. Ich war überzeugt davon, dass die Kritik an religiös motivierter Repression nicht Rechtspopulisten und rassistischen Demagogen überlassen werden dürfe. Ich spürte, dass meine Gedanken für Irritationen sorgten. Später kritisierte mich ein Freund dafür, dass ich mit meinem Aufruf in die Anti-Islam-Falle getappt sei.

          Der Einwand kam nicht von ungefähr. Denn die Kritik des Rassismus ist ohne die Kritik des Anti-Islamismus nicht denkbar. Seit dem 11. September 2001 ist der Islam auch in Deutschland zur Chiffre geworden für eine rassistische Diskriminierung, die sich nicht nur auf den Plakaten von Rechtsradikalen findet. Von intellektuellen Interventionen bis zur Islamkonferenz gibt es zahlreiche Anstrengungen, nicht nur dieser Diskriminierung etwas entgegenzusetzen. Es geht vor allem darum, einer gesellschaftlichen Realität, nämlich der Existenz einer Weltreligion in Deutschland, Legitimität zu verschaffen und den Dialog der Religionen voranzutreiben.

          Ob wir das wollen oder nicht: Die Religion wird immer wichtiger, wenn es darum geht, auszuloten, was die Parameter des gesellschaftlichen Zusammenlebens in einem von Migration und Einwanderung geprägten Deutschland sein sollen. Mir geht es nicht um Muslime in Deutschland. Mir geht es nicht um den Glauben des Einzelnen und wie er ihn praktiziert. Wer an Allah glaubt und sein Leben danach ausrichtet, bitte schön.

          Warum meine Eltern sagten, sie stammten aus Elazig

          Mir geht es darum, dass sich dieser jemand in mein Leben einmischt. Mir geht es darum, welche Repression aus der Glaubenspraxis erwächst. Mir geht es darum, dass der politische Islam, der heterogen ist und unterschiedlichste Machtformen ausbildet, sich radikalisiert. Dies hat Folgen, weil so unser Leben unfreier, undemokratischer, rassistischer, sexistischer, homophober und unästhetischer wird. Das ist kein Monopol des sich radikalisierenden politischen Islams, nur habe ich aufgrund meiner Sozialisation hier meine Berührungspunkte.

          Ich erinnere mich daran, dass meine Eltern früher auf die Frage, woher sie stammen, die Ortschaft Elazig nannten und nicht Tunceli, weil Tunceli sie eindeutig als Aleviten ausgewiesen hätte; in dieser Provinzstadt leben nämlich fast keine Sunniten, die aber in Elazig und in der Türkei die Mehrheit bilden. Das kemalistische Regime rühmte sich der Trennung von Staat und Religion, was aber nicht hieß, dass in der Türkei alle Konfessionen und Religionen gleichberechtigt existierten.

          Im Winter 1978 bekam ich als Grundschüler in Tunceli mit, dass einige Hundert Kilometer weiter, in der Stadt Maras, der islamistische Mob ein Pogrom gegen die alevitische Gemeinschaft verübte. Ich war in der dritten Klasse und wusste nicht, was Alevitentum sei. Aber inzwischen ahnte ich, dass es nicht grundlos war, dass meine Eltern auf Elazig setzten.

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