https://www.faz.net/-gqz-7vk3q

Kobane ist überall : Wir müssen uns wehren

  • -Aktualisiert am

Wäre es nicht geboten, jetzt wieder die Stimme zu erheben?

All das müsste uns elektrisieren, denn es steht viel auf dem Spiel. Doch es ist seltsam still. Still im Sinne einer gesellschaftlichen Debatte und einer künstlerisch-intellektuellen Intervention. Nur wenige - wie der Schriftsteller Navid Kermani - ergreifen in diesem Sinne das Wort. Nun könnte man einwenden, dass der barbarische Terror des Islamischen Staates nichts mit dem eigenen muslimischen Glauben zu tun hat. Genau das könnte ein Anfang sein, eine politisch-diskursive Grenzziehung, die konsequent auch dem reaktionären Salafismus etwas entgegenstellt.

Schriftsteller, Künstler, Medienmacher, die sich als „deutsche Muslime“ bezeichnen, mal mehr, mal weniger öffentlich ihren Glauben als Teil ihrer Identität verstehen, sind inzwischen zu wichtigen Ratgebern für Politiker und gesellschaftliche Akteure hier geworden. Man sucht ihre Nähe und stellt sich ihren Fragen. In einem offenen Brief an den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff wiesen einige von ihnen auf Diskriminierung von Muslimen in Deutschland hin und forderten Wulff auf, für „Leitsätze einer offenen, von gegenseitigem Respekt geprägten demokratischen Kultur einzustehen und öffentlich für sie zu werben“.

Wäre es nicht jetzt geboten, genau in diesem Sinne wieder die Stimme zu erheben und Antreiber einer Kritik des sich radikalisierenden politischen Islams zu sein? Denn der stellt so ziemlich alles zur Disposition, was „demokratische Kultur“ und gegenseitiger Respekt meinen könnte.

„Du bist nicht einer von uns“

In Deutschland ist die ethnisch-religiöse Herkunft keine Treppenstufe und keine Hilfskonstruktion, sondern immer noch ein Pflichtfach, das man nicht abwählen kann. Das ist nicht nur Ergebnis einer Zuschreibung der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Es hat auch damit zu tun, dass viele Kulturschaffende sich dieser Pflicht annehmen, wenn sie Geschichten der Migration auf Theaterbühnen inszenieren oder in Romanen erzählen, was ja immer häufiger geschieht. So werden sie nicht nur zu role models bei der Suche nach dem viel bemühten neuen „Wir“, sondern auch zu wichtigen Multiplikatoren für das politische Establishment der Türkei.

Das Bemühen um die erfolgreichen, gläubigen und konformen Vorbilder steht bei der AKP-Regierung schon länger auf der Agenda. Man trifft sich bei Ayran und Sesamkringel in der türkischen Botschaft in Berlin oder tauscht sich bei Strategieworkshops in Luxushotels in Antalya aus, wo Repräsentanten des türkischen Staats mit deutsch-türkischen Künstlern aus Almanya über Integration und das muslimische Leben in Deutschland parlieren.Letzteres erzählte mir ein preisgekrönter Künstler, dessen Eltern vor Jahrzehnten aus der Türkei eingewandert sind. „Warum werde ich eigentlich nicht eingeladen“, fragte ich ihn beim Kaffee in einem Kreuzberger Hinterhof. „Du bist nicht einer von uns“, lächelte er.

Es hilft alles nichts: Damit das Leben hier und da mit seinen Chancen und Risiken, Sprungbrettern und Fallen, Glücksmomenten und Enttäuschungen, gelingen kann, braucht es eine Haltung der Einmischung und Kritik - dieser Tage sowohl gegen den reaktionären politischen Islam, den Faschismus des IS als auch den rassistischen Anti-Islamismus in Deutschland.

Weitere Themen

Die Rückkehr des Theaters Video-Seite öffnen

Spielplanänderung – Staffel 2 : Die Rückkehr des Theaters

Der Titel unserer F.A.Z. Video-Theaterserie war für die Bühnenhäuser des Landes in der Corona-Pandemie bitterstes Programm: „Spielplanänderung“. Bis zu unserem Dreh im Mai 2021 waren die Theater noch immer geschlossen. Welchen Stellenwert Theater in unserer Gesellschaft hat, wollen wir mit einer zweiten, finalen Staffel unserer Videoserie erkunden.

Topmeldungen

Wegen seines Umgangs mit dem Missbrauchsskandal in der Kritik: Rainer Maria Kardinal Woelki

Erzbistum Köln : Gibt es noch eine Zukunft mit Woelki?

In Köln ist das Vertrauensverhältnis zwischen Erzbistum und Erzbischof zerrüttet. Ein externer Moderator muss einspringen. Nicht wenige hoffen, dass ein Spruch aus Rom die Angelegenheit schon vorher erledigt.
Im Wahlkampf: Der Kanzlerkandidat der Union und CDU-Vorsitzende Armin Laschet

Wahlprogramm der Union : Adenauer reicht nicht mehr

Vielleicht wäre es Armin Laschet am liebsten gewesen, einfach Wahlkampfplakate mit den Worten „Keine Experimente!“ zu bedrucken – und abzuwarten, wie sich die Konkurrenz um Kopf und Kragen redet. Tatsächlich muss er mehr tun.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.