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Kobane ist überall : Wir müssen uns wehren

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Meine Wut ist nicht erloschen

Es war eine der hilflosesten und wütendsten Stunden meines Lebens, als ich zwei Jahrzehnte später, am 2. Juli 1993, in einem anatolischen Männercafé in Frankfurt auf einen überdimensionalen Bildschirm starrte und sah, wie in der Innenstadt von Sivas islamische Fundamentalisten das Hotel „Madimak“ in Brand steckten und 32 Menschen töteten. Dort waren Schriftsteller, Tänzer und Musiker untergebracht, die an einem alevitischen Festival zu Ehren Pir Sultan Abdals teilgenommen hatten.

Meine Wut ist nicht erloschen. Sie kocht wieder in mir, während ich die barbarischen Taten des Islamischen Staates verfolge, die uns mehr angehen, als wir es uns heute ausmalen. Damit meine ich nicht die Angst deutscher Politiker, Konflikte aus Syrien und dem Nordirak könnten auf hiesigen Straßen ausgefochten werden. Was seit Wochen in Kobane passiert, betrifft uns alle, da die Trennung zwischen dort und hier nicht mehr möglich ist. Anders gesagt: Kobane liegt nicht nur in Rojava, im heutigen Syrien. Kobane ist überall, also auch in Deutschland.

So widersprüchlich es auch klingen mag: die in Deutschland als terroristisch eingestufte und verbotene PKK und ihre Schwesterorganisation YPG führen seit mehr als einem Monat nicht nur einen Kampf gegen den Islamischen Staat. Sie verteidigen ein kommunales Demokratieexperiment, in dem Menschen unterschiedlicher Ethnien und Glaubensrichtungen friedlich zusammenleben sollen. Mit diesem Modell sollen auch patriarchale Strukturen sukzessive überwunden werden - manifestiert in der gleichberechtigten Beteiligung von Frauen in gesellschaftlichen und politischen Institutionen.

Das Regime Erdogan unterstützt den IS logistisch

Ich weiß zu wenig, um beurteilen zu können, inwieweit dieses Rojava-Modell gesellschaftliche Realität ist. In jedem Fall ist es vielen Staaten in der Region ein Ärgernis. Dass die AKP-Regierung mit der PKK Gespräche aufgenommen hat, um den bewaffneten Konflikt in der Türkei zu beenden, hat neben vielen Gründen damit zu tun, dass im Nordirak und Rojava die Kurden Autonomie erlangten.

Wenn Kobane fallen und das Modell in Rojava scheitern sollte, ist das vermutlich im Sinne der Machthaber in Ankara. So wäre der kurdische Gürtel an der türkischen Grenze Geschichte, die Verhandlungsposition der PKK geschwächt. Nicht von ungefähr leistet das Regime Erdogan logistische Unterstützung für die Kämpfer des IS und sieht mehr oder weniger tatenlos zu, wie sie sich in der Türkei weiter organisieren.

Es sind extrem widersprüchliche Zeiten, in denen wir leben. Nicht der Nato-Partner Türkei, der vor einigen Jahren noch vom Westen als Modell für eine Demokratie mit islamischer Prägung betrachtet wurde, sondern die PKK und ihr nahestehende Organisationen führen den Kampf gegen den Terror des IS und verteidigen die demokratischen Rechte, auf die der Westen immer noch ein Copyright beansprucht. Eine andere Facette der neuen Verwirrtheit schimmert durch, wenn rechtsradikale Hooligans und Skinheads, die zur Jagd auf Dschihadisten und Salafisten aufrufen, übersehen, dass sie ihresgleichen bekämpfen wollen.

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