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Klöckner und Nestlé : Weniger Zucker?

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) betrachtet Kekse auf einer „Geschmacksstraße“, die anlässlich der ersten Sitzung des Begleitgremiums zur Strategie der Bundesregierung für weniger Zucker, Fett und Salz aufgebaut wurde. Bild: dpa

Shakehands zwischen Julia Klöckner und Nestlé: Die Ernährungsministerin sagt Zucker, Salz und Fett den Kampf an. Aber hat sie dafür den richtigen Partner?

          Vielleicht gehört Bundesernährungsministerin Julia Klöckner zu den Menschen, die Rezos Youtube-Video gegen die CDU noch nicht gesehen haben, obwohl sie davon gesprochen hat. Vielleicht hat Julia Klöckner auch einfach zu viel zu tun mit den Tweets, die sie über starke Landwirtschaft und gesunde Ernährung in die Welt sendet. Anders ist es kaum zu erklären, dass sich die ehemalige Deutsche Weinkönigin mit dem Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé verbündet hat, um für die „Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie“ ihres Ministeriums zu werben, Untertitel: „Weniger Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten“.

          Nestlé? Sie haben richtig gelesen. Das ist der Großkonzern, der schon vor fast einem halben Jahrhundert wegen Babymilch in Lateinamerika in der Kritik stand und erst nach zähem Widerstand einem ethischen Kodex für seine Werbung zustimmte. Der letztes Jahr von einer französischen NGO dafür gerüffelt wurde, diesen Kodex durch „aggressives Marketing“ verletzt und so suggeriert zu haben, Babymilch sei gesünder als Stillen. Im Lauf der Jahre wurde dem Konzern außerdem vorgeworfen, er trage zur illegalen Abholzung der Regenwälder Indonesiens bei, von der Mega-Müllproduktion durch die Nespresso-Kapseln zu schweigen. Nestlé, so die Recherche des Dokumentarfilms „Bottled Life“, pumpe in Pakistan Grundwasser aus dem Boden und überziehe die Länder der Region mit einem absurden Lifestyle-Objekt namens Plastikflasche. Und erst 2017 musste sich der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt von Greenpeace vorrechnen lassen, siebzehn Prozent der Tüten- und Flaschenreste im Meer vor den Philippinen stammten von Nestlé-Produkten.

          Essen muss auch Spaß machen dürfen

          Ach ja, der Zucker. Das billigste Füllmittel in unserem Essen, deshalb ist es für die Industrie so wichtig, nur Sägemehl käme günstiger. Als der Verbraucherverein Foodwatch einmal die Nestlé-Werbung für süße Lebensmittel kritisierte, schrieb der Vorstandsvorsitzende der Nestlé Deutschland: „Essen muss auch Spaß machen dürfen.“ Klar. Aber wenn man sich in brasilianischen Supermärkten durch zahllose Marken grabbeln muss, um einen einzigen zuckerfreien Joghurt zu finden, weil die Food-Giganten Nestlé und Danone den Lateinamerikanern nur massiv Gesüßtes in die Regale legen, hört der Spaß auf.

          „Die gesunde Wahl zur einfachen Wahl machen“ lautet die vollmundige Devise von Julia Klöckners Ministerium. Das ist geschwindelt. Die Ministerin betreibt Industrielobbyismus mit Bundesmitteln und hat nicht erkannt, dass die Zeiten andere geworden sind. Sie gibt Vereinfachern wie Rezo nachträglich recht und liefert nicht nur den Grünen, sondern auch dem arg zerzausten Koalitionspartner eine Steilvorlage: Endlich kann sich die SPD wieder über einen Blödsinn aufregen, der nicht aus den eigenen Reihen stammt.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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