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Klimawandel : Unsere Systeme sind erschreckend verwundbar

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Grenzen der Anpassungsfähigkeit

Schon beim ersten Blick auf die globale Temperaturentwicklung dieses „Business as usual“-Szenarios erkennt man, dass wir diesen Pfad nicht bis zum Ende gehen werden. Die Temperaturprojektion ergibt eine Erwärmung von mehr als acht Grad im Jahre 2200. Das wird die Konsequenz sein, wenn wir einen Großteil der bislang entdeckten fossilen Energieträger wie bisher mit jährlich ansteigender Intensität verbrennen.

Der Punkt ist: Zu einer solch starken Erwärmung wird es niemals kommen. Und zwar nicht etwa, weil die Berechnungen falsch sind. Auch nicht, weil das Klimasystem einen Puffer böte, der die Auswirkungen unseres Handelns mildern könnte. Zu der Erwärmung um acht Grad wird es deshalb nicht kommen, weil es eine andere Grenze gibt – die Grenze der Anpassungsfähigkeit unserer Gesellschaft. Mit ihr erreichen wir auch das Limit unseres Wirtschaftssystems. Der Pfad Richtung acht Grad plus setzt voraus, dass es funktionierende Industriestaaten gibt, deren Ausstoß von Treibhausgasen mit wachsender Wirtschaftsleistung ansteigt. Doch schon heute entpuppen sich diese Systeme als erschreckend verwundbar.

Repertoire unkalkulierbarer Phänomene

Wo genau die Grenze unserer Anpassungsfähigkeit ist, ob bei drei, vier, fünf oder erst bei sechs Grad, vermag heute niemand zu sagen. Fest steht, dass der Unterschied zwischen einer Eiszeit und einer Warmzeit, in der wir uns seit etwa zehntausend Jahren befinden, ungefähr fünf Grad beträgt. Der Übergang zwischen diesen beiden Extremen der vergangenen zwei Millionen Jahre unserer Klimageschichte – zwischen Eiszeit und Warmzeit – dauerte gut fünftausend Jahre. Wenn die Menschheit heute mit dem Ausstoß von Treibhausgasen weitermacht wie bisher, erreichen wir eine Erwärmung von gleicher Stärke fünfzigmal schneller als in der Vergangenheit. Das ist, als schlüge man mit einem Hammer auf einen Gong – alles fängt an zu vibrieren. Klimaschwankungen werden extrem und unkalkulierbar. Am Repertoire unkalkulierbarer Phänomene mangelt es dem Klimasystem nicht.

Was, wenn die Zeit zwischen den Extremen nicht ausreicht, die Schäden zu beseitigen? Wenn Überschwemmungen, Hitzewellen und Kälteperioden in schneller Folge die öffentlichen Haushalte an den Rand der Leistungsfähigkeit zwingen? Wenn Versicherungen und Rückversicherungen die Schäden nicht mehr auffangen? Bei einer derart rasanten Erwärmung reden wir nicht mehr über Bekanntes, sondern über eine neue Qualität der Entwicklung.

Fundamentale, ungelöste Fragen

Es ist wahrscheinlich, dass in einer solchen Situation Länder wie Bangladesch und Teile von Afrika bereits unbewohnbar geworden sind. Sei es, weil die Trinkwasserversorgung durch Dürren oder das Eindringen von Meerwasser zusammengebrochen oder weil Landwirtschaft unmöglich geworden ist. Selbst ohne Extremereignisse schätzen die Vereinten Nationen die Anzahl der Klimaflüchtlinge bei einem Meeresspiegelanstieg von einem Meter auf 90 Millionen.

Welcher Teil der Gesellschaft zuerst an seine Grenzen stößt, ob öffentliche Haushalte, Wirtschafts-, Finanz-, Rechts- oder politisches System, wird von Region zu Region unterschiedlich sein. Die entsprechenden gesellschaftlichen Mechanismen beim Annähern an die Grenze stellen fundamentale und ungelöste Fragen an die Sozialwissenschaften. Fest steht, dass es eine Erwärmung von acht Grad nicht geben wird. Denn bis dahin wird die Ursache unter ihren eigenen Folgen kollabiert sein.

Die Wand, auf die wir zufahren, liegt im Nebel, aber sie ist da!

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