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Ein Treffen mit Klaus Wolfram : Ostdeutscher Frühling

Klaus Wolfram im Februar im Prenzlauer Berg, dort also, wo früher Ostberlin war Bild: Jens Gyarmaty

Nicht nur in Thüringen versuchen rechte Demagogen den Osten zu usurpieren. Der DDR-Oppositionelle Klaus Wolfram kritisiert die ungleiche Verteilung der Diskursmacht in Deutschland.

          6 Min.

          Als sich die Berliner Akademie der Künste im November zum Jubiläum des Mauerfalls zu ihrer Jahrestagung traf, soll es zu einem Eklat gekommen sein. Anlass war der Eröffnungsvortrag des DDR-Oppositionellen Klaus Wolfram, der die Mitglieder der Akademie, dem Hörensagen nach, ziemlich genau entlang der Grenzlinie zwischen Ost und West spaltete: Während sich die ostdeutschen Schriftsteller und Künstler in Wolframs Schilderung der Ereignisse vor dreißig Jahren und danach offenbar wiedererkannten, fanden ihre westdeutschen Kollegen seine Deutungen entrüstend. Sätze wie „Wir haben doch wirklich alles für euch getan!“ sollen gefallen sein.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Alles an diesem Vorgang ist überraschend: schon dass die Wendezeit überhaupt noch ein Gegenstand des Streits sein kann, während der offiziellen Anschauung nach deren Interpretation und Wertung doch längst feststeht und abgeschlossen ist. Und dann, dass die Trennlinie zwischen Ost und West verläuft, ganz ähnlich wie zu Zeiten der erbittert umkämpften Vereinigung von West- und Ost-Akademie in den neunziger Jahren, als die Protagonisten noch Walter Jens und Heiner Müller hießen – während es schon lange Konsens zu sein scheint, dass solche Himmelsrichtungen unter aufgeklärten Menschen ja doch wirklich keine Rolle mehr spielen sollten. Aber Wolframs Rede, die mittlerweile in der Zeitschrift „Abwärts!“ abgedruckt ist und demnächst auch im von der Akademie herausgegebenen „Journal der Künste“ erscheinen soll, war gerade darauf hinausgelaufen, einen solchen Konsens als westdeutsche Illusion und Manipulation zu kritisieren: „Die Bundesrepublik spinnt ihr altes Selbstgespräch über Ostdeutschland fort und fort – doch inzwischen hört dort niemand mehr zu.“ Die Vehemenz des Widerspruchs rührte wohl vor allem daher, dass der Redner die heutigen Probleme im Osten bis hin zu den Wahlerfolgen der AfD zum Teil auf eine Enteignung der ostdeutschen Öffentlichkeit zurückführte. Dann ginge der Streit darum, ob die durch die medialen und politischen Institutionen transportierte Öffentlichkeit tatsächlich so offen und gesamtdeutsch ist, wie sie von sich annimmt - oder ob sie einen blinden Fleck hat, der mit den dominanten westdeutschen Begriffen und Erfahrungen allein gar nicht als solcher zu erkennen ist.

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