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Der Brexit und Europa : Sie wollten doch sowieso immer nur Großmacht sein

  • -Aktualisiert am

Es war dann im Sommer 1962 - eine ergreifende Frankreich-Reise Adenauers war vorausgegangen, ein Triumphzug de Gaulles in Deutschland sollte folgen -, als am Abend des 5. Juli nach langen Gesprächen und Verhandlungen angesichts der ablehnenden Haltung der anderen Mitgliedstaaten gegenüber einer europäischen politischen Union ohne Großbritannien de Gaulle Bundeskanzler Konrad Adenauer fragte, ob Deutschland bereit sei, den Weg einer wirklichen politischen Union nur zu zweit, mit Frankreich, zu gehen. Sehr nachdrücklich bestand er auf einer klaren Antwort: „Ich frage Sie noch einmal, und es ist für Frankreich eine sehr wichtige Frage: Sind Sie bereit, wenn es sein muss, auch zu zweit zusammenzuarbeiten?“ Adenauer antwortete erst nach einigem Zögern, aber dann mit einem klaren „Ja“ - nicht zur Freude aller seiner Begleiter.

Den Vertrag hatten Adenauer und de Gaulle nicht gewollt

Diese politische Union war dann das wirkliche Ziel des Elysée-Vertrages, der am 22. Januar 1963 von de Gaulle und Adenauer unterzeichnet wurde. Doch nun begann im Bonner Bundestag auf dem Wege zur parlamentarischen Ratifizierung eine Kraftprobe zwischen den „atlantischen“ (und England-freundlicheren) Europäern und den „Gaullisten“. Adenauer war politisch schon geschwächt, die Nachfolge durch Ludwig Erhard mehr oder weniger entschieden; und dieser, Freihändler und eher anglophil, schlug sich auf die Seite der „Atlantiker“. Es gab eine massive, zum Teil drohende Unterstützung der Gegner einer französisch-deutschen „politischen Union“ aus Amerika, und auch Großbritannien agierte unverhohlen auf dieser Seite. Man fürchtete in Washington und London, ein von Frankreich und Deutschland geführtes Europa könnte sich von Amerika abwenden, die Lage Deutschlands und Berlins schwächen und die Fronten im Kalten Krieg verwischen.

Also entfernte man den Kern des Vertrages durch eine alles neutralisierende Präambel - aus damaliger Sicht, auch eines Teils der Union, der FDP und der geschlossenen SPD-Opposition, vielleicht verständlich. Aus heutiger Sicht jedoch eher die große verpasste historische Chance Europas. Denn das für Adenauer und de Gaulle vorrangige Ziel einer engen deutsch-französischen Zusammenarbeit in einer politischen Union wurde durch diese Präambel faktisch aufgehoben. Nun wurden alle anderen politischen Aspekte deutscher Politik - Verteidigung im Nato-Bündnis, europäische Integration und die Einbeziehung Großbritanniens - faktisch gleichberechtigt neben die deutsch-französischen Beziehungen gestellt. Die „Atlantiker“ hatten mit Hilfe Amerikas und Großbritanniens über die europäischen „Gaullisten“ gesiegt. Und der Vertrag ist folglich nicht der, den Adenauer und de Gaulle gewollt und unterzeichnet hatten.

Offen blieb nur ein holpriger Weg – in die heutige Krise

Am Ende war es die Politik Großbritanniens, die einerseits zunächst zu dem von de Gaulle und Adenauer unterzeichneten Elysée-Vertrag geführt hatte, die aber dann wiederum mit der am 16. Mai vom Bonner Bundestag zur Ratifizierung hinzugefügten Präambel auch wieder die Zerstörung des Kerns dieses Vertrags bewirkte. Jugendaustausch und politische Konsultation waren den beiden Vätern des Elysée-Vertrages nicht genug. Ein Bonmot von Golo Mann: Durch die Präambel „nullifizierte“ der Bundestag den Elysée-Vertrag „in eben dem Moment, in dem er ihn ratifizierte“.

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