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Der Brexit und Europa : Sie wollten doch sowieso immer nur Großmacht sein

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Den fünf anderen Partnern war das zu wenig „supranational“, und man sorgte sich auch um das Verhältnis zur Nato, wenn diese politische Union eventuell eine unabhängigere europäische Verteidigungsstrategie anstreben sollte. Deutschland, Italien und Luxemburg fügten deswegen dem Fouchet-Konzept unter anderem einen unabhängigen Generalsekretär hinzu und sorgten im Text auch für eine deutliche Nato-Anknüpfung. Frankreich akzeptierte das zunächst auf Ministerebene; aber de Gaulle verwarf diese Änderungen, und in dem Entwurf „Fouchet II“ war dann praktisch alles wieder wie zuvor.

Die Briten als Trojanisches Pferd Amerikas

De Gaulle wollte eine wirkliche Europäische Politische Union (EPU) souveräner Mitgliedstaaten, die auch als Gegengewicht zu einer amerikanischen Hegemonie dienen sollte. Er war besorgt, im Ernstfall würde Amerika nur seine eigenen Interessen gelten lassen. Als Mitglied der Bundesregierung und Leiter einer Nato-Übung 1979 im Bunker bei Bonn habe ich später dann selbst - wie übrigens offenbar auch ein Vorgänger von mir in dieser Funktion, Staatsminister Moersch - erlebt, dass Amerika beim ersten sowjetischen Vordringen auf deutsches Gebiet ohne Vorankündigung taktische Atombomben auf deutschem Boden einsetzte. Schon als Adenauer gegenüber dem amerikanischen Sicherheitsberater McGeorge Bundy angesichts britisch-französischer Rivalitäten auf die Führungsschwierigkeiten in Europa verwies, hatte dieser trocken geantwortet: „Führungsmacht Europas werden in den nächsten fünfzehn Jahren weder England, Frankreich noch die Bundesrepublik, sondern weiter die Vereinigten Staaten sein.“

Doch de Gaulles Konzept einer autonomen europäischen politischen Union scheiterte schon im Kreis der sechs Mitgliedstaaten, und zwar in erster Linie, weil einige der sechs unbedingt Großbritannien dabeihaben wollten, Großbritannien selbst jedoch, ganz nach Churchills Idee, immer wieder auswich. Als dann die Verhandlungen mit Großbritannien scheiterten, weil einerseits die Regierung Macmillan durch eine bilaterale nukleare Vereinbarung mit Amerika (MLF) aus Sicht de Gaulles diesen hintergangen hatte und andererseits de Gaulle ohnehin die Briten als Trojanisches Pferd Amerikas betrachtete, entschloss sich Frankreichs Präsident zu dem dramatischen Schritt, Bundeskanzler Adenauer eine politische Union zunächst allein mit Deutschland vorzuschlagen.

Wenn es sein muss, nur zu zweit

Auch dieser Vorschlag gründete auf einer langen Vorgeschichte. Schon 1950 hatte Konrad Adenauer in dem berühmten Kingsbury-Smith-Interview wörtlich erklärt: „Eine Union zwischen Frankreich und Deutschland würde einem schwerkranken Europa neues Leben und einen kraftvollen Auftrieb geben.“ Diese Idee wurde damals von de Gaulle mit großer Zustimmung aufgenommen: Am 16. März 1950 rühmte er den Vorschlag als einen Weg, das „Empire Charlemagne“ wieder errichten zu können.

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