https://www.faz.net/-gqz-a48en

Gibt es einen Einzel-Körper? : Wir brauchen Geräte

  • -Aktualisiert am

Jochen Wagner über die E-Gitarre in den Händen von Jimi Hendrix: „Sie war ein Organ seines Leibes, intim, exhibitionistisch“ – ein Körperteil. Bild: AFP

Körper kommen im wirklichen Leben „allein“ nicht vor: Sie werden real durch Verschaltung mit anderen Körpern, durch Gitarren, Radio, Leinwand, Computer, Freundschaft und Kooperation. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          „Am Anfang war die Einwanderung“, am Anfang aller Kulturen. Sogenannte Urbevölkerungen gibt es nirgendwo. Immer kamen welche dahin, wo andere schon waren. Was heißt: Am Anfang war #MeToo; weil die Frauen der jeweils frisch Eroberten sich nicht gleich freiwillig hinlegten. (Got It?) Die sogenannte „griechische Mythologie“ ist die ausführlichste und ausgefuchsteste Erzählung davon: Vergewaltigungsliteratur, arme Körper, gequält von Göttern; erhoben ins Erhabene, Urtrick des „Griechischen“. Von da haben wir diese Grammatik des (göttlichen) „weil“ und „deswegen“, obwohl nichts in unseren postgriechischen Kulturen über so etwas wie „vernünftige Begründungen“ läuft. Diese Herrschaften brachten es fertig, bis heute, uns ihre terroristische Krieger- und Sklavenhalterwelt ohne Frauenrechte als „Demokratie“ (= Platos Staat) zu verkaufen. Die Körper ächzen durch die Jahrtausende.

          Befreiungen: zum fünfzigsten Todestag von Jimi Hendrix lese ich über die E-Gitarre in Hendrix’ Händen bei Jochen Wagner: „Sie war ein Organ seines Leibes, intim, exhibitionistisch“ – ein Körperteil. Wichtig die beiden Adjektive, die sich zu „widersprechen“ scheinen. Aber im Körper und für den Körper gibt es solche „Widersprüche“ nicht; was schon der junge Dr. Freud vermerkte in einem Brief an seine Braut: „daß nur in der Logik Widersprüche existenzunfähig sind, in den Gefühlen bestehen sie aufs Beste nebeneinander“ (an Martha Bernays, Juli 1882). Etwas verklausuliert, aber schön formuliert, dass das Prinzip „Logik“ daran arbeitet, die Körper und ihre Gefühle voneinander zu entzweien. (Weshalb wir von Philosophen so gut wie nie etwas Brauchbares zu Körpern und Gefühlen erfahren.)

          Ein Körper, mein Körper, dein Körper

          In einer Dokumentation zu Hendrix, kürzlich auf arte – mit nur wenigen Interviews – war diese ständige körperliche Verschlingung mit seinem Instrument, aus der sich permanent neue Tonwelten schälten, komprimiert zu erleben. Neue Körper wurden erfunden, elektronisch – den Körper dessen, der dies hier schreibt, eingeschlossen; ich nenne das den „dritten Körper“, der sich aus dem umschlingenden Zusammenprall der Wellen einer Musik mit den Wellen des eigenen Körpers entwickelt; worauf sich der eigene als verwandelter wiederfindet.

          Klaus Theweleit in seiner Freiburger Wohnung
          Klaus Theweleit in seiner Freiburger Wohnung : Bild: Patrick Junker

          Das Merkwürdigste, wenn Leute vom „Körper“ sprechen: dass sie das im Singular tun; ein Körper, mein Körper, dein Körper, sein Körper, ihr Körper. Dabei kommen Körper im wirklichen Leben „allein“ nicht vor. Schon zur Zeugung braucht es zwei. Und nach der Geburt mindestens zwei, damit der eine, der/die/das Neugeborene überhaupt fähig wird, sich in die Welt hineinzubewegen.

          In „die Welt hinein“: Wir brauchen Geräte, nicht nur „Stock und Hut“. Wir werden real durch Zusammenschaltung mit Plattenspielern, Gitarren, Radios, Computerkonsolen, mit der Kinoleinwand; mit Spielgeräten wie Tennis- oder Hockeyschlägern, mit Bällen – der kleine Maradonna schlief mit dem Ball als Teddybär –, Verkupplung mit Fahrrädern, Autos, Fluggeräten; oder in Verschmelzung mit dem Körper eines Meeres, seinen Wellen, seiner Brandung.

          Geräte: die meisten können nicht „ohne Uhr“; nicht ohne Zeitmaß; Amerikaner nicht ohne Waffe; der Motorradmensch nicht ohne seine Harley-Davidson. Die Verbindung mit dem iPhone zaubert einen Körper her, den eigenen. Durchs Selfie wird man zwei mit sich selber. Andere (vor Jahren: die Mehrheit) können nicht ohne Zigarette; nicht mal zum Schafott, spöttelte Céline. Geköpft ohne Zigarette? Geht nicht. Däne ohne Bierflasche? Auch schwer vorstellbar.

          Verständnislose Gesichter

          Körper werden zu Körpern durch Zusammenschaltung und Co-Operation, durch Freundschaften, Gruppenbildung in Vereinen und Schulen, in der Straßennachbarschaft und später Kneipen sowieso; Drogengebrauch, vorsichtiger, eingeschlossen (niemals nix alleine nehmen...)

          Und durch die Liebe:

          I got to know, babe, will I be touching

          you / So I can tell if I’m really real.

          Das Real-Werden des Körpers durch Berührungen.

          Ich erinnere mich an einen Pädagogenkongress um 1995 in Bonn. Ein Punkt, über den ich reden sollte, war Konkurrenzabbau zwischen Schülern. Wie erzeugt man ein Gefühl von Gleichheit und gegenseitiger Anerkennung in einem Haufen von Leuten, die täglich dazu angehalten werden, besser zu sein als der Nebenmann oder die Nebenfrau: indem alle ihre Körper voneinander abgrenzen und Höhentraining praktizieren bis hin zur einsamen Eins-Komma-null? (Um dann dem Attentat eines verzweifelten Drei-Komma-vier-Schülers zum Opfer zu fallen? Opfer eines Lone Wolfe?)

          Ich schlug vor, die Schüler*innen am besten überhaupt nur in Gruppen vorkommen zu lassen. Jeweils fünf Leut*innen, geschart um einen Computer; fünf Tastaturen, ein Monitor, auf den alle schauen; eine Tastatur jeweils als aktuelles Eingabe-Keyboard; Wechsel nach circa zwanzig Minuten; dann ist der/die Nächste dran. Eingegeben wird, was sie gemeinsam erarbeiten; was sie gemeinsam diskutieren. Alle Möglichkeiten des Netzes dürfen genutzt werden; bei Übersetzungen etwa jedes Lexikon (hier spürbar die erste Welle der Ablehnung bei den Pädagogen, wenn nicht gar des Entsetzens: „Dann ist ja alles ganz einfach!!“ „Wie soll das denn gehen?“). „Indem man die Übersetzungstexte anspruchsvoller macht oder auch länger“, sagte ich. „Vokabeln lernt man bestens, wenn man nach ihnen sucht im Netz und sie dann anwendet. Klasse acht macht ihre Mathematikaufgaben zusammen mit einer Klasse in Schweden; unendliche Möglichkeiten von Kommunikation und Zusammenarbeit. Noten werden grundsätzlich nur an die Gruppe vergeben, nicht an die Einzelnen.“

          „Ich hätte auch gern einen Körper gehabt“

          Ich habe selten verständnislosere Gesichter gesehen. Die versammelte Lehrerschaft aus allen Bundesländern konnte nichts damit anfangen, buchstäblich nichts. „Ein Irrer, da vorne.“ „Diese ganze schreckliche Elektronik!“, „Völlig unnatürlich!“

          Nun ham wir den Salat – weil Lehrer nicht wussten (nicht wissen wollten und teils immer noch nicht wissen), was Körper sind und wie sie untereinander arbeiten und fühlen.

          Das ist nun fünfundzwanzig Jahre her; „Jeder/jedem sein eigenes Tablet; eigenes Smartphone; aber: Wer aus Wikipedia abschreibt, kriegt ’ne Sechs“ ist immer noch nicht aus der Welt. Obwohl auch ältere Teile des Lehrerkorps nun das Wort „Digitalisierung“ buchstabieren können; aber stottern bei seinem Aussprechen (so wie noch drei Jahrzehnte früher beim Wort „Pschylologie“). Da konnten sie lachen drüber.

          Welchen Witz wollte Heinz Emigholz machen, als er in den Achtzigern auf sein T-Shirt druckte: „Ich hätte auch gern einen Körper gehabt“?

          Ist heutiges Körper-Sein weitergekommen im – so lang schon vorhersehbaren – Überfall des „Elektronischen“? (Ohne das es eine Körperlichkeit nicht mehr geben wird.)

          Von Mensch als einer abgeschlossenen Einzelmonade zu sprechen ergibt jedenfalls keinen Sinn. Es gibt ihn/sie schlicht nicht. Ein Einzel-Körper: wäre immer schon tot. Und doch soll in „unseren“ Schulen Einzelmensch*in immer weiter konkurrent sich abstrampeln um die Eins-Komma-null. Wie bescheuert kann man denn sein? (Um dann noch mit der urblöden Frage nachzurücken nach der „Herkunft der Gewalt“ in „unserer“ Gesellschaft.)

          Jeder Körper kennt die Antwort(en).

          Vom Autor der „Männerphantasien“ erschien zuletzt „Warum Cortés wirklich siegte. Technologiegeschichte der eurasisch-amerikanischen Kolonialismen. Pocahontas 3“ (Matthes & Seitz, 616 Seiten, 38 Euro)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson in Hartlepool. In der früheren Labour-Hochburg gewannen die Konservativen eine Nachwahl für das Parlament.

          Britische Regierungspläne : „Stop the brain drain“

          Boris Johnson will, dass die Bürger für die Arbeitssuche nicht mehr in die Metropolen ziehen müssen. Die Times spricht von einer „historischen Abkehr“ von der Thatcher-Zeit.
          Die Runde von „hart aber fair“: Hubertus Heil, Julia Friedrichs, Lencke Wischhusen, Arndt Kirchhoff, Djamila Kordus und Frank Plasberg (von links).

          TV-Kritik: Hart aber fair : Fünf Häuptlinge und eine „Indianerin“

          Was bedeutet das Versprechen des sozialen Aufstiegs? Früher hieß es, die Bürger sollten mitbestimmen. Das „Wirtschaftswunder“ zielte auf sozialen Ausgleich. Wie es um den bestellt ist, zeigt „hart aber fair“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.