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Gibt es einen Einzel-Körper? : Wir brauchen Geräte

  • -Aktualisiert am

Jochen Wagner über die E-Gitarre in den Händen von Jimi Hendrix: „Sie war ein Organ seines Leibes, intim, exhibitionistisch“ – ein Körperteil. Bild: AFP

Körper kommen im wirklichen Leben „allein“ nicht vor: Sie werden real durch Verschaltung mit anderen Körpern, durch Gitarren, Radio, Leinwand, Computer, Freundschaft und Kooperation. Ein Gastbeitrag.

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          „Am Anfang war die Einwanderung“, am Anfang aller Kulturen. Sogenannte Urbevölkerungen gibt es nirgendwo. Immer kamen welche dahin, wo andere schon waren. Was heißt: Am Anfang war #MeToo; weil die Frauen der jeweils frisch Eroberten sich nicht gleich freiwillig hinlegten. (Got It?) Die sogenannte „griechische Mythologie“ ist die ausführlichste und ausgefuchsteste Erzählung davon: Vergewaltigungsliteratur, arme Körper, gequält von Göttern; erhoben ins Erhabene, Urtrick des „Griechischen“. Von da haben wir diese Grammatik des (göttlichen) „weil“ und „deswegen“, obwohl nichts in unseren postgriechischen Kulturen über so etwas wie „vernünftige Begründungen“ läuft. Diese Herrschaften brachten es fertig, bis heute, uns ihre terroristische Krieger- und Sklavenhalterwelt ohne Frauenrechte als „Demokratie“ (= Platos Staat) zu verkaufen. Die Körper ächzen durch die Jahrtausende.

          Befreiungen: zum fünfzigsten Todestag von Jimi Hendrix lese ich über die E-Gitarre in Hendrix’ Händen bei Jochen Wagner: „Sie war ein Organ seines Leibes, intim, exhibitionistisch“ – ein Körperteil. Wichtig die beiden Adjektive, die sich zu „widersprechen“ scheinen. Aber im Körper und für den Körper gibt es solche „Widersprüche“ nicht; was schon der junge Dr. Freud vermerkte in einem Brief an seine Braut: „daß nur in der Logik Widersprüche existenzunfähig sind, in den Gefühlen bestehen sie aufs Beste nebeneinander“ (an Martha Bernays, Juli 1882). Etwas verklausuliert, aber schön formuliert, dass das Prinzip „Logik“ daran arbeitet, die Körper und ihre Gefühle voneinander zu entzweien. (Weshalb wir von Philosophen so gut wie nie etwas Brauchbares zu Körpern und Gefühlen erfahren.)

          Ein Körper, mein Körper, dein Körper

          In einer Dokumentation zu Hendrix, kürzlich auf arte – mit nur wenigen Interviews – war diese ständige körperliche Verschlingung mit seinem Instrument, aus der sich permanent neue Tonwelten schälten, komprimiert zu erleben. Neue Körper wurden erfunden, elektronisch – den Körper dessen, der dies hier schreibt, eingeschlossen; ich nenne das den „dritten Körper“, der sich aus dem umschlingenden Zusammenprall der Wellen einer Musik mit den Wellen des eigenen Körpers entwickelt; worauf sich der eigene als verwandelter wiederfindet.

          Klaus Theweleit in seiner Freiburger Wohnung
          Klaus Theweleit in seiner Freiburger Wohnung : Bild: Patrick Junker

          Das Merkwürdigste, wenn Leute vom „Körper“ sprechen: dass sie das im Singular tun; ein Körper, mein Körper, dein Körper, sein Körper, ihr Körper. Dabei kommen Körper im wirklichen Leben „allein“ nicht vor. Schon zur Zeugung braucht es zwei. Und nach der Geburt mindestens zwei, damit der eine, der/die/das Neugeborene überhaupt fähig wird, sich in die Welt hineinzubewegen.

          In „die Welt hinein“: Wir brauchen Geräte, nicht nur „Stock und Hut“. Wir werden real durch Zusammenschaltung mit Plattenspielern, Gitarren, Radios, Computerkonsolen, mit der Kinoleinwand; mit Spielgeräten wie Tennis- oder Hockeyschlägern, mit Bällen – der kleine Maradonna schlief mit dem Ball als Teddybär –, Verkupplung mit Fahrrädern, Autos, Fluggeräten; oder in Verschmelzung mit dem Körper eines Meeres, seinen Wellen, seiner Brandung.

          Geräte: die meisten können nicht „ohne Uhr“; nicht ohne Zeitmaß; Amerikaner nicht ohne Waffe; der Motorradmensch nicht ohne seine Harley-Davidson. Die Verbindung mit dem iPhone zaubert einen Körper her, den eigenen. Durchs Selfie wird man zwei mit sich selber. Andere (vor Jahren: die Mehrheit) können nicht ohne Zigarette; nicht mal zum Schafott, spöttelte Céline. Geköpft ohne Zigarette? Geht nicht. Däne ohne Bierflasche? Auch schwer vorstellbar.

          Verständnislose Gesichter

          Körper werden zu Körpern durch Zusammenschaltung und Co-Operation, durch Freundschaften, Gruppenbildung in Vereinen und Schulen, in der Straßennachbarschaft und später Kneipen sowieso; Drogengebrauch, vorsichtiger, eingeschlossen (niemals nix alleine nehmen...)

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