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Digitalisierung des Filmerbes : Es gibt nichts wegzuwerfen!

  • -Aktualisiert am

Schon im Jahr der Geschehnisse selbst, fünfzig Jahre, bevor Heinz Rühmann die Rolle spielte, wurde die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick zweimal verfilmt: Szene aus Helmut Käutners Film aus dem Jahr 1956. Bild: Picture-Alliance

Unser Filmerbe ist unteilbar, wir müssen es annehmen. Eine Auswahl darf nicht stattfinden: Kunstfilm, Dokumentarisches, Massenware, all dies muss gerettet werden.

          Eine hochnotwendige Debatte hat kaum begonnen, und schon gerät sie in eine Schieflage. Sie kreist um unser Filmerbe, das, überwiegend auf Zelluloid (genauer: Azetat) gespeichert, vom chemischen Zerfall bedroht ist. Was bedeutet uns unsere Filmgeschichte, und was zählen wir zum kinemathographischen Erbe? Im Grundsätzlichen besteht viel Einigkeit. Im Film werde „unser aller nationales Gedächtnis lebendig“, sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die Digitalisierung des gefährdeten Materials sei eine Verpflichtung gegenüber „unserem kulturellen Erbe“.

          In den Archiven lagern einige hunderttausend Filmstreifen, die in Deutschland in den letzten 120 Jahren produziert oder verliehen wurden. Die Schätzungen variieren erheblich. Eine von der Filmförderungsanstalt in Auftrag gegebene Studie zur Errechnung des Finanzbedarfs beziffert überschlägig den Gesamtbestand mit 170.000 Lang- und Kurzfilmen und kommt auf eine Summe von exakt 473,9 Millionen Euro allein für den technischen Prozess der Digitalisierung. Viel Geld, aber sicher keine Phantasiezahl: Frankreich hält für einen Zeitraum von nur sechs Jahren 400 Millionen Euro für den Erhalt seiner Filme bereit. Bei uns macht man sich, noch bevor die Arbeit beginnt, eher Gedanken, wie der Etat für die „Jahrhundertaufgabe“ (Grütters) kleinzuhalten und was überhaupt als „Erbe“ zu betrachten sei.

          Zuvor unbekannte Reizbarkeiten

          Auch der Präsident des Bundesarchivs, das allerdings bis vor kurzem vor allem durch seine Kassationspraxis, also die Vernichtung alter Filme auf Nitromaterial aufgefallen ist, spricht vom „nationalen Filmerbe“. Das „Archivgut des Bundes“ (z.B. Filme, die im Auftrag der Bundesregierung gedreht wurden) definiert Michael Hollmann sogar als „unveräußerlich und dauerhaft zu erhaltendes Kulturgut“. Gleichzeitig unterscheidet er zwischen Filmen, die „archivwürdig“ seien - und anderen, denen er dieses Prädikat offenbar verweigert. In den hohen Ton ist somit der Gedanke an Auswahl und Abschiebung schon eingebaut. Der Historiker und Dokumentarfilmer Dirk Alt forderte nun jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bei der Mittelverteilung eine einschneidende „Prioritätenverschiebung“ vorzunehmen: von der „Pappmaché-Kulissen“-Welt der Spielfilme zum zeitgeschichtlichen Dokumentarfilm, von der „Massenware“ zum „künstlerisch hochstehenden Werk“.

          Wenn sich der Jargon der Eigentlichkeit mit heftiger Polemik verbündet, ist Gefahr im Verzug. Dabei wäre eine Sachfrage zu klären. Wie sollte unsere von den modernen technischen Medien geformte Gesellschaft ihr filmisches Erbe betrachten? In den Regalen unserer Kinematheken staut sich deutsche Geschichte, sie sind ein Archiv des im zwanzigsten Jahrhundert kollektiv Erlebten, Gedachten, Gefühlten ebenso wie des Erlittenen und Verdrängten. Filme erzählen von den Außenansichten und Oberflächen, noch viel eindringlicher jedoch vom Innenleben, den alltagskulturellen Regungen und Verwebungen eines Gemeinwesens und seiner Menschen. Mit ihren Geschichten erheischen sie unsere Aufmerksamkeit; gleichzeitig antworten sie seit der Zeit der Hochindustrialisierung auf zuvor unbekannte Reizbarkeiten unseres Sensoriums, sind die Bilder des Kinos der „sensory input“ (Jonathan Crary) einer nervösen Moderne. Nicht nur ihre Stories, auch deren Repräsentationsform geht uns unter die Haut.

          Eine maskierte Zensur

          Dies gilt ganz unabhängig davon, ob wir es mit „Massenware“ zu tun haben oder mit Erhabenem. Kinematheken sind weder Nationalarchive noch Kunstmuseen; sie speichern auf empfindlichstem Trägermaterial und in den vielfältigsten Formen kollektive Erfahrung. Ein veritabler Filmstoff entstand, als 1906 jener Schuster Wilhelm Voigt, als Hauptmann kostümiert, mit einer Schar uniformierter Abenteurer das Köpenicker Rathaus besetzte und den Bürgermeister verhaftete. Seine Eskapade wurde schon im Jahr des Geschehens gleich zweimal verfilmt, ein halbes Jahrhundert später von Helmut Käutner und Heinz Rühmann. Sie schuf den Plot für vier heute vergessene Theaterstücke, bevor sie Carl Zuckmayer 1931 auf die Bühne brachte. Einer der beiden frühen Filme ist erhalten und wird in der Deutschen Kinemathek mit restauratorischem Verstand gehegt und gepflegt. Er steht nicht auf der legendären Liste der fünfundert „filmhistorisch wertvollen und förderungswürdigen“ Filme des Kinematheksverbundes. Aber bei den Deutschen traf diese heute eher belächelte Real-Burleske nebst ihren medialen Virtualisierungen für einige Jahrzehnte einen Nerv. Eben darum geht es, wenn vom Kino als Ort gesellschaftlicher Erfahrung die Rede ist.

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