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Klagen der Hohenzollern : So schnell schießen die Anwälte der Preußen

Auf der Burg Hechingen liegt das Familienarchiv der Hohenzollern. Welche Historiker Georg Friedrich von Preußen dort arbeiten lässt, war schon Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen. Bild: dpa

Die Klagen dieser Familie gehen die Allgemeinheit an: Der Historikerverband dokumentiert im Internet, wie die Nachfahren von Kaiser Wilhelm II. gegen Wissenschaftler und Journalisten vorgehen.

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          Einer Interviewerin der Tageszeitung Die Welt hat Georg Friedrich von Preußen erzählt, dass er in seiner Kindheit über seinen Urgroßvater, den 1951 verstorbenen früheren preußischen Kronprinzen Wilhelm, nicht viel gehört habe. Das habe aber nichts mit der Frage zu tun gehabt, die seit einigen Jahren die deutsche Öffentlichkeit beschäftigt, ob der ehemalige Thronfolger dem Nationalsozialismus – mit einem technischen Begriff des Gesetzes über Ausgleichsleistungen für Opfer der Enteignungen der sowjetischen Besatzungsmacht – erheblichen Vorschub geleistet habe. „Denn über die Rolle der Familie in der Weimarer Republik und in der Nazizeit wurde immer offen gesprochen.“ So las man es am 15. Juni 2021.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wenn der zuletzt zitierte Satz wahr sein sollte, wäre die Familie von Preußen noch viel ungewöhnlicher, als ihr Name (mitsamt dem Umstand, dass sie als „Haus Hohenzollern“ noch einen zweiten Namen führt) schon sagt. Auch für die Weizsäckers und selbst für die Scholls und Stauffenbergs dürfte nicht zutreffen, dass über das Verhalten von Familienmitgliedern vor 1945 jederzeit mit absoluter Offenheit geredet wurde.

          Damit wollen wir nun aber nicht gesagt haben, dass der Satz von Georg Friedrich von Preußen falsch ist. Denn die Verbreitung einer solche Behauptung wäre mit dem Risiko verbunden, Empfänger von Anwaltspost zu werden. Der Satz ist der Form nach eine Tatsachenbehauptung. Deren Verneinung wäre ihrerseits ebenfalls eine Tatsachenbehauptung, die im Zweifelsfall bewiesen werden müsste. Das aber müsste schwerfallen, da Gespräche im Familienkreis nicht vor der Presse stattzufinden pflegen. Logisch gesehen würde zur Falsifikation des Satzes des Prinzen indes eine einzige Prinzessin genügen, die bezeugt, dass bei einem einzigen Familienfest etwa das Thema der Teilnahme des Ex-Kronprinzen am „Tag von Potsdam“ umgangen worden sei.

          Diese Erwägung führt vor Augen, dass in die Aussage, über dies oder das sei in einer bestimmten Familie immer offen gesprochen worden, zwangsläufig ein Moment der Wertung eingeht. Es handelt sich nicht um eine Tatsachenbehauptung der gleichen Art wie die Feststellung, dass Prinz August Wilhelm, einer der jüngeren Söhne Wilhelms II., am 21. März 1933 in Potsdam seine SA-Uniform trug. Im Interview mit der Welt hat Georg Friedrich auch zu dem Vorwurf Stellung genommen, dass er Wissenschaftler und Journalisten mit Klagen und Klagedrohungen einschüchtere. „Wir haben uns weder gegen Berichterstattung an sich noch gegen historische Forschung gewehrt. Wir sind lediglich aktiv geworden, als falsche Tatsachenbehauptungen veröffentlicht und weiterverbreitet wurden.“

          Eine Datenbank von Gerichtsbeschlüssen

          Ob diese Behauptung den Tatsachen entspricht, soll jetzt jedermann mit einem Hilfsmittel überprüfen können, das der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands am 15. Juni 2021 der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat. Eine Internetseite dokumentiert alle Gerichtsbeschlüsse in den von der Familie im Rahmen der gegenwärtigen Kontroverse angestrengten Rechtsstreitigkeiten, soweit die jeweiligen Beklagten der Publikation zugestimmt haben. Auch die F.A.Z. hat solche Einwilligungen erteilt. Der Name „Hohenzollern-Klage-Wiki“ ist insofern etwas missverständlich, als nicht jeder Benutzer den Text der Seite verändern kann. Die Erfinderin und Bearbeiterin der Datenbank ist die Düsseldorfer Staatsrechtlerin Sophie Schönberger, eine Spezialistin für das Recht der Kulturgüter.

          Wo Georg Friedrich von Preußen den Eindruck erweckt, sich juristisch in positivistischem Minimalismus auf die Forderung nach Richtigstellung falscher Faktendarstellungen beschränkt zu haben, sieht der Historikerverband die Freiheit der Forschung dadurch bedroht, dass begründete und belegte Beiträge zum Meinungsstreit angegriffen werden können, indem Kläger Teilaussagen herausbrechen und Gerichten isoliert als vermeintliche Tatsachenbehauptungen vorlegen. Typischerweise betreffen diese Aussagen nicht direkt die historische Wirklichkeit, sondern die aktuelle Debatte. In rechtspolitischer Hinsicht beschrieb Sophie Schönberger es bei der Vorstellung des Projekts als Problem, dass die Zivilgerichte oder eher einzelne besonders eifrige Gerichte über ihre Zuständigkeit für den Persönlichkeitsschutz eine generelle Wahrheitskontrolle von Tatsachen beanspruchen, die mit Personen verknüpft sind. Es werde dann über Wertungsfragen mitentschieden, die im gesellschaftlichen Disput besser aufgehoben seien als bei staatlichen Instanzen.

          Der Satz, dass in der Familie von Preußen immer offen über ihr Innenleben in der NS-Zeit geredet worden sei, ist unabhängig vom Wahrheitswert interessant. In den bürgerlichen Familien ist das Bedauern über das Beschweigen längst in die Standarderzählung integriert worden. So gesehen sind die Hohenzollern immer noch nicht eine normale Familie wie jede andere geworden, die den Schutz des bürgerlichen Rechts für ihre Privatangelegenheiten beansprucht. Dieser Rückstand ist typisch für die Mentalität des Adels. Andersherum gewendet beschreibt er das Potential künftiger Anpassung.

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