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Klage gegen „Baader-Meinhof-Komplex“ : Die längsten Minuten

  • -Aktualisiert am

Auf der Beerdigung Jürgen Pontos: Witwe Ignes mit den Kindern Stefan und Corinna Bild: ASSOCIATED PRESS

Von der Ermordung Jürgen Pontos durch Terroristen der RAF gab es keine Bilder. Bis jetzt: Der Film „Baader-Meinhof-Komplex“ inszeniert die Tat. Die Familie Pontos wehrt sich nun gegen die Darstellung - mit durchaus guten Aussichten.

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          Freitagmittag, Landgericht Köln: Einunddreißig Jahre nach dem Mord an Jürgen Ponto wird noch einmal eine Skizze des Tatorts auf der Richterbank ausgebreitet. Es ist kein Strafverfahren, es geht bloß um einen Spielfilm, Bernd Eichingers „Der Baader Meinhof Komplex“, trotzdem liegen die Nerven blank. Der Anwalt der Familie Ponto, der Berliner Medienrechtler Christian Schertz, will anhand der Skizze zeigen, wo der Film die Dinge falsch darstellt. Der Justitiar der Filmfirma Constantin, Gero Worstbrock, der äußerst angespannt wirkt, rückt immer näher und drängt Schertz rüde mit dem Ellenbogen ab, und zwar nicht versehentlich, sondern, wie es auf dem Schulhof in solchen Fällen hieß, extra. Schertz: „Was ist denn mit Ihnen los? Wollen Sie jetzt auch noch körperlich auf mich losgehen?“ Später sollen sich die Herren noch um ein Taxi zanken.

          So lange nach dem deutschen Herbst ist die dem Thema innewohnende Energie beachtlich. Im Kölner Gerichtssaal begegnen sich zwei Traditionslinien. Da ist einmal die, die Stefan Aust mit seinem „Baader-Meinhof-Komplex“ begründete. Das Buch steht in nahezu jedem deutschen Bücherregal und war Vorlage für den Film, den schon 2,6 Millionen Menschen gesehen haben. Beide kreisen um das Leben von Ulrike Meinhof und die Geschehnisse im siebten Stock in Stuttgart-Stammheim.

          Einer von der anderen Seite

          Und dann ist da die andere, die Sicht der Opfer. Sie ist weit weniger bekannt. Die Angehörigen beginnen zum Teil gerade erst, sich zu äußern. Die Familie von Jürgen Ponto war stets am zurückhaltendsten. Es gab eigentlich gar keine öffentliche Äußerung zum Thema, bis im letzten Jahr das Buch der Journalistin Anne Siemens erschien, „Für die RAF war er das System, für mich der Vater“, in dem Corinna Ponto ausführlich zu Wort kommt.

          Regisseur Uli Edel mit Nadja Uhl als Brigitte Mohnhaupt, die an Pontos Ermordung beteiligt war
          Regisseur Uli Edel mit Nadja Uhl als Brigitte Mohnhaupt, die an Pontos Ermordung beteiligt war : Bild: Constantin Film

          Im Film ist Ponto einer von der anderen Seite, jener also, die die Macher nicht interessiert. Während die Terroristen von hervorragenden Schauspielern gegeben werden, so dass sich selbst ein Baader-Allergiker über Moritz Bleibtreu freut, wenn er wieder so schalkhaft guckt, könnten die Opfer sämtlich aus britischen Komödien über die Krauts stammen: stiernackige Deutsche, die „ach“ oder „och“ sagen und im letzten Moment noch schafsartig ihre Killer anlächeln, weil sie als Einzige nicht kapieren, was die Stunde geschlagen hat. Jürgen Ponto ist in diesem Film auch so einer: trägt Janker und gibt den großen Herrn, schroffer Ton gegen seinen Bediensteten, bald streckt ihn die schöne Nadja Uhl nieder, und dann wendet sich der Film wieder den Seelennöten der Täter zu.

          Es sind, im Film wie in der Geschichte, nur wenige Minuten, aber sie bedeuten den Pontos eine ganze Welt. Dass es keine Bilder von der Tat gab, war der sensiblen und kunstsinnigen Familie immer ein Refugium. Jürgen Ponto selber konnte sich gar nicht beruhigen über die entwürdigenden Bilder, die die Linksterroristen von ihren Opfern anzufertigen liebten, darüber, wie etwa ein Peter Lorenz vorgeführt wurde, geriet er in Wut. Von ihm werde es so etwas sicher nicht geben, erklärte er der Familie. Daher wehren sie sich heute auch in seinem Namen vor Gericht gegen die lieblose, unpräzise Inszenierung seines Kampfes gegen die geplante Entführung, der auch ein Kampf gegen die Möglichkeit der Produktion entwürdigender Bilder war. So kommt es, dass sogar ein Journalist empfangen wird.

          Wir treffen uns im Haus einer Freundin von ihr, so dass ich erst nicht weiß, wer mir da die Tür öffnet: Die Dame, deren Name am Türschild steht, oder die, mit der ich verabredet bin?

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