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Kirchendiebstähle : Den Menschen ist nichts mehr heilig

Solche Bilder gehören fast schon zum Alltag der Kirchen: zerstörte Fensterscheibe der Gänserich-Kapelle bei Meschede, 2008. Bild: Imago

Abendmahlkelche werden entwendet, Marienbilder und Kreuze: Die Zahl der Kircheneinbrüche und -diebstähle bleibt hoch, der Respekt vor sakralen Räumen schwindet. Woran liegt das: Geldgier? Oder ist es Gottlosigkeit?

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          Am 29. Oktober 2013 wurde aus der Kirche St. Nikomedes im westfälischen Steinfurt das Borghorster Stiftskreuz gestohlen, eines der herausragenden Zeugnisse sakraler Kunst des elften Jahrhunderts. Gemessen an der Bedeutung des Werks, widmeten die Medien dem Verbrechen wenig Aufmerksamkeit, die Zeitungen in der Region berichteten, und der in Harvard lehrende Kunsthistoriker Jeffrey F. Hamburger stellte beunruhigt die Frage, ob sein Aufsatz über „eines der wichtigsten Artefakte der ottonischen Zeit“ womöglich schon ein Nachruf war. Auch ein knappes Jahr nach der Tat gibt es keine neuen Nachrichten zum Verbleib des wertvollen Reliquienkreuzes, dessen Versicherungswert fünf Millionen Euro beträgt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Wenn selbst der Raub einer solchen Inkunabel keine breite Beachtung findet, kann es kaum verwundern, dass das Gros der Kirchendiebstähle unter der Wahrnehmungsgrenze liegt. 1055 Delikte wurden 2013 allein in Nordrhein-Westfalen registriert, außerdem 242 Versuche; 2012 waren es sogar 1313, im Jahr davor 1243. Die Zahl, so die Sprecherin des Landeskriminalamts in Düsseldorf, das die Fälle unter dem Stichwort „Tatort Kirche“ erfasst, sei erschreckend hoch, eine Zunahme aber nicht zu verzeichnen.

          Ihre Kollegen vom Erzbistum Köln und vom Bistum Essen bestätigen das. Eine Statistik führen sie, da die Gemeinden selbständige Rechtsträger sind, zwar nicht, doch geben ihnen die Versicherungsmeldungen einen genauen Überblick. Als Tendenz erkennbar ist, dass die Hemmschwelle, in sakrale Räume einzubrechen, immer weiter sinkt: Geldbörsen und Taschen werden in Kirchen inzwischen so selbstverständlich gestohlen wie in Bahnhofshallen, Kaufhäusern oder auf Schulhöfen, Regenrinnen und Kupferdächer ähnlich hemmungslos entwendet wie von öffentlichen Gebäuden oder Baustellen.

          Mutproben für den „Kick“

          Als Ende August in der katholischen Herz-Jesu-Kirche in Wesel die Tür und dann auch der Tresor aufgebrochen wurden, sei, so berichtet Pfarrer Stefan Sühling, „nur das Geld im Opferstock, vermutlich weniger als hundert Euro“, mitgenommen worden. Viel mehr beunruhigt den Geistlichen, dass es sich erkennbar um eine karitative Sammlung handelte: „Die Solidarität mit den Armen ist so wenig noch selbstverständlich wie der Respekt vor dem Kirchenraum.“ Die Reparaturaufwendungen - mehrere tausend Euro - seien erheblich höher gewesen als der Wertverlust.

          Inzwischen öffnet die Gemeinde die Kirche, in deren Nähe soziale Brennpunkte liegen, nur noch für den Gottesdienst. Eine solche Maßnahme, so betont Sühling, kommt für St. Johannes in Bislich, zehn Kilometer außerhalb der Stadt am Rhein hinterm Deich gelegen, schon deshalb nicht in Frage, weil dort viele Fahrradtouristen einkehren: „Aus St. Johannes wurde zweimal, kurz vor Ostern und kurz vor Weihnachten, ein Marienbild gestohlen. Kunsthistorisch hat es keinen großen Wert. Gut möglich, eine bessere Erklärung habe ich noch nicht, dass das Mutproben waren; das Risiko, doch erwischt zu werden, als besonderer Kick.“

          Auch Thomas Stockkamp, Pfarrer an der evangelischen Markuskirche in Krefeld-Fischeln, sieht eine zunehmende Beliebigkeit bei Kirchendiebstählen: „Den Menschen ist nichts mehr heilig.“ Zuletzt wurden acht Abendmahlkelche aus Edelstahl entwendet, die sich weder einschmelzen noch - Wert pro Stück etwa achtzig Euro - verkaufen lassen; eine große Edelsteinvase auf dem Fensterbrett in der Sakristei, deren Tür offen stand, wurde nicht angerührt.

          Überwachungskameras und Gitter

          Schwerer wiegt für die Gemeinde der Verlust der großen Altarbibel, die ihr - mit Widmung von Bundespräsident Theodor Heuss - 1958 zur Einweihung der Kirche geschenkt wurde. Der antiquarische Wert beträgt nur wenige Euro, als Teil des Gründungsinventars aber ist sie unersetzlich. Auch das Angebot, Straffreiheit zu gewähren, hat bisher nicht zur Rückgabe geführt.

          Im Essener Dom, der nahe an der Einkaufsmeile Kettwiger Straße mit ihrer Drogen- und Alkoholiker-Szene liegt, gehören Übertretungen und Zerstörungen zum Alltag: „Die Leute kommen mit Hut, Kaffeebecher, Zigarette oder Hund in die Kirche“, beobachtet Birgitta Falk, die Leiterin der Domschatzkammer, „da bleibt es nicht bei Graffiti an Außenwänden, vor drei Jahren wurde der frühmittelalterliche siebenarmige Leuchter im Westbau mit Bauschaum eingesprüht; es wird in der Kirche uriniert - und nicht nur das. Wenn ich am Montagmorgen in mein Büro, das gegenüber dem Atrium liegt, komme, ist die Tür vollgepinkelt.“

          Mit dem Vandalismus einher geht, so Sarah Meisenberg, Sprecherin des Erzbistums Köln, eine Unkenntnis der liturgischen Ausstattung: „Oft wird der Tabernakel geöffnet, weil die Diebe denken, da sei was zu holen.“ Viele Gemeinden, so ergänzt sie, hätten einen Präsenzdienst mit Freiwilligen organisiert, andere verstärkten mit Überwachungskameras und Gittern die Sicherheitsmaßnahmen. Der beste Schutz, so der Essener Dompropst Thomas Zander, „ist aus meiner Sicht, wenn Menschen da sind, die Präsenz zeigen. Gläubige, die zum Beten kommen; Besucher, die aufmerksam sind.“

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