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Kinderschutz : Kommen Sie uns doch mal besuchen

Sanfte Kontrolle mit hilfreichen Tipps: Die Stadt Dormagen besucht jedes neugeborene Kind Bild: Marcus Kaufhold

Die Zahl der Kindesmisshandlungen in Deutschland nimmt zu, vor allem in den Familien. Die Stadt Dormagen will dem Ernstfall zuvorkommen und schickt Sozialarbeiter des Jugendamts in jede Familie mit neugeborenen Kindern. Das Projekt findet den Zuspruch der Einwohner.

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          Von der Decke hängt eine Discokugel, in der Schrankwand mit dem Fernseher lächelt die Aphrodite von Soli aus Plastik, auf dem Teppich steht eine Babywiege, die sich per Fernbedienung schaukeln lässt. Sekundenschnell überfliegt Gudrun Freitag, während sie die ersten Worte mit Beate und Stephan Stamm wechselt, das Interieur der kleinen Zweizimmerwohnung in Horrem, einem jener Problemviertel von Dormagen, die von düsteren Hochhäusern dominiert werden.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Sich ebenso präzise wie unauffällig ein Bild von den Verhältnissen zu machen, in denen Menschen leben, gehört zum Job von Gudrun Freitag. Die rothaarige Frau mit den klimpernden Silberohrringen ist Sozialarbeiterin und begrüßt heute im Auftrag des Bürgermeisters den neuen Erdenbürger im Hause Stamm. Es gibt Geschenke für das Baby Diego, jede Menge Lektüre für die Eltern, die Fotos an der Wand werden bestaunt, und doch ist das Ganze auch ein Vorwand: um zu ergründen, ob hier womöglich ein Kind schlecht aufgehoben ist oder überforderte Eltern vielleicht Hilfe brauchen.

          Elternrecht versus Kinderwohl

          Ein Vorwand? Das klingt nach Betrug, nach Einbruch in einen Haushalt, in eine Familie. Darf man Familien überhaupt kontrollieren, und wenn ja, in welcher Form? Aber ist nicht umgekehrt jeder Vorwand recht, wenn es um das Wohl von Kindern geht? Elternrecht versus Kindeswohl - in diesem Spannungsfeld bewegt sich die Diskussion über den Umgang mit Kindern in Deutschland. Und jedes Mal aufs Neue sind die Menschen ratlos und entsetzt, wenn wieder ein ausgehungerter Säugling in einem Keller gefunden wird, wieder ein Kind Glutnarben von Zigaretten aufweist, gebrochene Knochen oder Verbrühungen durch heißes Wasser.

          Vater des Modells: Dormagens Bürgermeister Heinz Hilgers
          Vater des Modells: Dormagens Bürgermeister Heinz Hilgers : Bild: Marcus Kaufhold

          Die Zahl der Kindesmisshandlungen nimmt in Deutschland zu. Sie ist abhängig vom Wohlstand. „Misshandlung und Vernachlässigung ist vor allem ein Problem der Unterschicht“, sagt Heinz Hilgers, Bürgermeister von Dormagen, einer Stadt mit 64.000 Einwohnern zwischen Düsseldorf und Köln. Wo wenig hereinkomme, sei nun einmal weniger zu verteilen. Zudem hätten diese Eltern kaum Möglichkeiten, sich von der Kindererziehung zu entlasten. „Und weil die Armut insbesondere unter jungen Familien in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen ist, steigt auch die Zahl minderjähriger Opfer.“ Heute lebt jedes sechste deutsche Kind von Sozialhilfe - wesentlich mehr Kinder als vor dreißig Jahren.

          Dänisches Vorbild

          In Dormagen will man die schreckliche Korrelation von Familienarmut und Kinderleid nicht mehr als naturgesetzlich hinnehmen. Seit Oktober vergangenen Jahres werden alle Familien, in denen ein Kind zur Welt gekommen ist, von einem Sozialarbeiter besucht - egal, ob der Vater Vorstand beim Chemiewerk Bayer Dormagen ist oder Schichtarbeiter. „So wird niemand diskriminiert“, sagt Heinz Hilgers, der sich das Ganze ausgedacht hat - oder auch nur abgeschaut von den Dänen, wo selbst Kronprinzessin Mary nach der Niederkunft das Jugendamt empfangen musste.

          Nicht mediale Aufregung über extreme Einzelfälle hat Hilgers auf sein Thema gebracht. Seit dreizehn Jahren ist er Vorsitzender des Kinderschutzbundes. Den traurigen Befund der Täterforschung kennt der SPD-Politiker nur zu gut: Die Familie umschreibt den Ort, an dem sich Kinder zumeist aufhalten, und deshalb auch den sozialen Zusammenhang, in dem die meisten Kinder misshandelt werden. Nicht von Fremden an geheimen Orten, sondern von Vater, Mutter oder Onkel in der eigenen Wohnung werden Kinder weggesperrt, geschlagen und missbraucht.

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