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Kinderpornografie-Ermittlungen : Limburger Tat

Vor dem bischöflichen Ordinariat in Limburg Bild: EPA

Pädophilie als sexuelle Orientierung ist nicht vorhaltbar, wohl aber der Umgang mit ihr. Dass in Limburg gegen eine klerikale Führungskraft in Sachen Kinderpornografie ermitteln wird, wirft Fragen auf.

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          Heute ist das Dunkelfeld zwischen Pädophilie, Kindesmissbrauch und Kinderpornographie merklich aufgehellt. Anders als noch vor zwanzig, dreißig Jahren gehört das Hintergrundwissen über den sexuellen Übergriff auf Kinder zum Alltagswissen. Man kann wissen, dass Pädophilie als sexuelle Orientierung nicht vorhaltbar ist, wohl aber der Umgang mit ihr, wenn sie sich in der Tat entlädt, sei es als übergriffige Handlung am Kind selbst oder als Konsum von Abbildungen derartiger Handlungen. Man kann wissen, dass es unter der Überschrift „Kein Täter werden“ ein inzwischen deutschlandweites, vor zehn Jahren von der Berliner Charité gestartetes Präventionsnetzwerk gibt. Man kann wissen, dass da freiwillig solche Männer hingehen (denn einschlägig sind hier zumal Männer, kaum Frauen), denen Kinder lieber sind, als ihnen lieb ist (so der Slogan des Netzwerks), um einen Therapieplatz zu nutzen, damit aus ihren Phantasien keine Taten werden.

          Man kann wissen, dass dieses in jedem Bundesland bestehende Angebot kostenlos und vertraulich ist. Niemand muss es heute, anders gesagt, als Schicksal empfinden, Dunkelmann zu sein. Man kann der Pädophilie begegnen wie der Depression: mit ihr leben lernen, ohne andere zu schädigen. Gerade weil diese Einsicht unter Pädophilen um sich greift, weil immer mehr Männer, die von dieser Neigung geschlagen sind, sich ihr nicht ausliefern wollen und mit therapeutischer Hilfe daran arbeiten, die Schwellen zur Tat nicht zu überschreiten, Gelegenheiten zu meiden - eben deshalb, weil man das wissen kann und es an Informationen über die Erfolge nicht fehlt, eben deshalb wiegt es heute noch schwerer als vor zwanzig, dreißig Jahren, sich an Kindern zu vergehen mit der Ausrede: Ich bin eben so gepolt. Auch kann man wissen, dass der Konsum von Bildern und Filmen missbrauchter Kinder, die sogenannte Kinderpornographie, nicht etwa eine harmlose Ersatzhandlung für „wirklichen“ Missbrauch ist.

          Warum ausgerechnet in der Kirche

          Kinderpornographie ist wirklicher Missbrauch, verübt von pädophilen oder nicht pädophilen Geschäftemachern, denen wirkliche Übergriffe an wirklichen Kindern zur Bildvorlage werden; wer diese Bildvorlagen nutzt oder sie auch nur beschafft, gehört zu den Mittätern in Sachen Kindesmissbrauch und baut nicht etwa - so die Illusion - bildmächtig seiner Täterschaft am Kind vor; was unabhängig von jeder Wirkungsanalyse des konsumierten Bildmaterials gilt.

          Hinter diesen Grad an Aufklärung lässt sich nicht zurückgehen, wenn man jetzt liest, dass im Bistum Limburg die Strafverfolgungsbehörden gegen eine klerikale Führungskraft in Sachen Kinderpornographie ermitteln. Es soll sich, wie es unwidersprochen in Medienberichten heißt, um den Büroleiter des neuen Bischofs handeln, einen Diakon im Familienstand. Hier stellt sich nicht nur die Frage, die man heute allen Kinderpornographen guten Willens stellen kann: Schon mal was vom Netzwerk „Kein Täter werden“ gehört? Den ganzen Irrsinn der Tat beleuchtet eine andere Frage, die gebotene Unschuldsvermutung hin oder her: Warum sucht der enthemmte Pädophile sein berufliches Glück ausgerechnet als leitender Angestellter einer (auch) moralischen Firma, der Kirche, statt in jedwedem anderen Betrieb? Die Fallhöhe bei Entdeckung ist hier doch absehbar enorm (wie der Spott im Internet zeigt). Pech für die Kirche, dass sie sich zunehmend als humanitärer Global Player versteht statt als Heilsanstalt. So verschiebt sich das „Glaubet wie die Kinder!“ (Jesus) auf die sogenannte „Glaubwürdigkeit“ des Personals. Das ist nicht kindlich, eher schon kindisch.

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