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Kindergärten : Die wahre Bildungsmisere

Erziehen will gelernt sein Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wer im ersten Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar ist, so die fragwürdige Politik der Hansestadt Bremen, der darf sich um den Nachwuchs im Kindergarten kümmern: Dieses Beispiel darf nicht Schule machen.

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          Was sind uns unsere Kinder wert? Diese Frage muß sich eine Gesellschaft stellen, in der Kindergartenkinder seit einiger Zeit von Sozialhilfeempfängern ohne nachgewiesene Eignung und Neigung betreut werden.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Wer im ersten Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar ist, so die fragwürdige Politik der Hansestadt Bremen, der wird auf den Nachwuchs losgelassen, und zwar auf die Allerkleinsten - in der irrigen Annahme, kleine Kinder bedürften keiner fachgerechten Betreuung. Dabei sagt uns heute auch die Hirnforschung, was der Volksmund mit Hans und Hänschen immer schon wußte: daß die Einflüsse in den ersten Lebensjahren über die Entwicklung eines Menschen entscheiden.

          „Zum Üben“ an die Kitafront

          Je nach Bundesland müssen Erzieherinnen - zu 97 Prozent handelt es sich laut Bundesagentur für Arbeit tatsächlich um Frauen - eine vier- bis fünfjährige Ausbildung absolvieren, um für die Herausforderungen ihres Berufs gewappnet zu sein. Die Arbeitslosen in Bremen hingegen, die womöglich jahrelang keiner geregelten Beschäftigung nachgingen, werden „zum Üben“ sofort an die Kitafront geschickt und nebenher an zwei Tagen in der Woche zum Kinderpfleger geschult.

          In der Hierarchie der pädagogischen Berufe kommt hierzulande ganz unten die Kindergärtnerin und ganz oben der Professor. Die höchstqualifizierten Universitätslehrer werden von allen Pflichten zum Umgang mit jungen Leuten entlastet und müssen sich noch nicht einmal mit Habilitanden beschäftigen. Insofern muß man das Bremer Modell, wonach für die Kleinsten die Schlechtestqualifizierten gut genug sind, wenigstens konsequent nennen. Ihm liegt aber ein hierzulande gängiges Mißverständnis zugrunde. Die Wahrheit ist: Je jünger die Kinder sind, desto komplexer sind die Lernprozesse und desto besser müssen die Erzieher ausgebildet sein. In Deutschland wird das Gegenteil praktiziert: Je jünger die Kinder sind, desto niedriger ist das Niveau und oft auch die Qualität der Ausbildung.

          Entweder Erzieher oder Lehrer

          Deutschland ist heute neben Österreich und Malta das einzige Land der westlichen Welt, das für seine Erzieher kein Hochschulstudium vorsieht. In der ersten wichtigen Lernphase sind die Lehrer am wenigsten kompetent. Während andere Länder zwischen Erziehung und Bildung auch sprachlich nicht unterscheiden - das englische „education“ etwa bedeutet beides - ist man bei uns entweder Erzieher oder Lehrer; als ob auf der Schule nicht mehr erzogen und im Kindergarten noch nichts gelehrt würde.

          Finanziell gesehen stehen deutsche Erzieher in Europa nicht einmal schlecht da. Ihr Verdienst, der sich nach Bundesangestelltentarif richtet, liegt im europäischen Vergleich im vorderen Bereich. Kinderpfleger, die in Krippen und Kindertagesstätten beschäftigt sind, verdienen im Monat zwischen 1498 und 2093 Euro brutto. Etwas mehr erhalten die hierarchisch höher angesiedelten Erzieher: zwischen 1716 und 2914 Euro - das entspricht etwa dem Gehalt einer ausgebildeten Pflegekraft im Krankenhaus. Wer eine Kindertagesstätte leitet, kann es auf ein Bruttogehalt von 2173 bis 3690 Euro bringen. Ein Grundschullehrer hingegen verdient schon beim Berufseinstieg mindestens 2559 Euro im Monat.

          Die Note „unzureichend“

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