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Kinderfeinde : Nicht vor meinem Haus

  • -Aktualisiert am

Spielende Kinder - nicht bei jedem beliebt Bild: picture-alliance / dpa

No kidding: Im Internet formiert sich die Bewegung „childfree movement“, die den „Welttag der Kinderfreien“ feiert. Sie gibt Anleitungen für ein Leben ohne den nervenden Nachwuchs.

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          Wenn Deutschland immer wieder zu einem der kinderfeindlichsten Länder Europas ausgerufen wird, so möchte niemand diesen Begriff in dem Sinne wörtlich nehmen, daß die Deutschen ein Volk von Kinderfeinden wären. Nein, es handele sich nicht um das Empfinden von einzelnen, erklärt die Familienwissenschaftlerin Uta Meier von der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Vielmehr verweise die Formel auf eine „strukturelle Rücksichtslosigkeit“, die diejenigen benachteilige, die sich für ein Leben mit Kindern entschieden.

          Dennoch sind sie auf der Welt, jene tatsächlich kinderfeindlich empfindenden Menschen, die immer öfter laut und vernehmlich ihre Ansichten über die im besten Fall noch als störend empfundenen Bälger in ihrer Umgebung kundtun. So beispielsweise einer der Mitautoren des amerikanischen Blogs „childfreeghetto“, der es begrüßen würde, wenn endlich eine Art akustischer Kinderschreck in Serienproduktion ginge.

          Ultraschall gegen die Jüngsten

          Das von ihm empfohlene Gerät, Mosquito genannt, gibt Ultraschallfrequenzen von sich, die nur für junge Ohren extrem unangenehm und sogar schmerzhaft sind. Es läßt das bereits für diesen Frequenzbereich abgestumpfte Erwachsenengehör jedoch unbehelligt. Vielleicht regen solche Vorschläge findige Geschäftsleute zu noch wirkungsvolleren Kinderfallen an, chemische Cordons für Grundstücke zum Beispiel, die als unsichtbare Grenzpfosten nur die Jüngsten umnebelt niedersinken lassen. Oder surrealistisch überdimensionierte Kinderklebestreifen, an denen sie hängen bleiben wie früher die Fliegen über dem Küchenherd.

          Nicht nur unter der Adresse „childfreeghetto“ verbirgt sich ein sicheres Refugium für jene, die endlich einmal hemmungslos darüber herziehen wollen, wie satt sie es haben, daß es überall um sie herum nur um Kinder geht. Vieles klingt vergleichsweise harmlos. Man klagt zum Beispiel fundamentale Menschenrechte ein wie das, im Restaurant ungestört sein zu dürfen, ohne als Kinderfeind beschimpft zu werden. Dort darf man Mütter mit vielen Kindern ungestraft „Kuh“ nennen und sich über widerliche Eltern empören, wobei man zugleich resigniert zugibt, daß die doch mit ihrer Brut die Zukunft garantieren sollen.

          Soziale Foren für Kinderlose

          Einer der ältesten und zahlenmäßig erfolgreichsten Zusammenschlüsse ist „nokidding“, der aus einem bereits 1984 erfolgreich im kanadischen Vancouver gegründeten Club für Kinderlose hervorgegangen ist und seit den neunziger Jahren auch mit nokidding.net eine der international meistverbreiteten Internetplattformen besitzt. Wenngleich ausdrücklich betont wird, daß es durchaus Mitglieder gebe, die nichts gegen Kinder hätten, will man doch - so der Gründer in aller Offenheit - beim Telefonieren nicht ständig von Kindern unterbrochen werden, sich spontan und nicht erst, wenn der Babysitter gefunden sei, verabreden können und nicht endlose Gespräche über triefende Nasen und verfärbten Stuhlgang von Kindern führen müssen. In einer Gesellschaft, die von Kindern geradezu „besessen“ sei, hätten solche sozialen Foren für Kinderlose, die sich zu Unrecht als gefühlskalt, einsam oder unausgefüllt charakterisieren lassen müßten, immer mehr Zulauf. So lautet jedenfalls eine der Erklärungen für die wachsende Beliebtheit des „childfree movement“.

          Wenngleich nicht mit ebenso nachhaltigem Erfolg wie der dieser Tage in der katholischen Kirche gefeierte „Tag der heiligen Familie“ wurde auch schon ein „Welttag der Kinderfreien“ ausgerufen. Jährlich soll der erste Sonntag im Juni als nationaler „Childfree Adult Day“ in den Vereinigten Staaten zelebriert werden. Man wünscht sich, so heißt es bei Worldchildfree.org (Kinderlose aller Länder, vereinigt euch!), einen öffentlichkeitswirksamen Gegenpol zu jenen Familientagen, die den Eindruck entstehen ließen, nur diejenigen, die sich fortgepflanzt hätten, verdienten Anerkennung. Man solle doch bitte, so heißt es in einem der Forumbeiträge, endlich ein angemessenes Pendant zu den beruflichen Kinderbetreuungspausen einführen, sogenannte „Individualitätsferien“, in denen man ebenso wie die erziehenden Mütter oder Väter bezahlt werde, aber nicht arbeiten müsse.

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