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KI und Emotionen : Können Siri und Alexa unsere Freunde werden?

Die Amerikanerin Eugenia Kuyda entwickelte die intelligente App nach dem tödlichen Unfall eines Freundes. Um sich die Erinnerung an ihn zu bewahren, lud sie die gemeinsamen Chat-Protokolle und E-Mails ins Internet und schuf so ein Netzwerk von Informationen über den Verstorbenen, das als Grundlage für einen Chatbot diente. Auch die massentaugliche Weiterentwicklung versucht, auf Social-Media-Profile zuzugreifen und Datensätze zu sammeln. Doch trotz überraschender Schlagfertigkeit gelingt es dem Bot nicht, bei seinen unvermittelten Themenwechseln und esoterischen Empfehlungen über den Mangel an Tiefgang hinwegzutäuschen.

Auch Sprachassistenten wie die Apple-Software Siri und Alexa von Amazon sollen zu Freunden im digitalisierten Alltag werden, bislang mit überschaubarem Erfolg. Die Kommunikation mit ihnen ist deshalb so unergiebig, weil es den Computern nicht gelingt, die Codes für die feinen Zwischentöne zu entschlüsseln: Ironie, Sarkasmus, Wortwitz. Damit könnte es aber bald vorbei sein. Forschern der Universität Lissabon ist es gelungen, anhand von Datennetzwerken Sarkasmus und Ironie in Facebook-Posts, Tweets und anderen Aussagen im Netz auszumachen. Und am Massachusetts Institute of Technology wird seit kurzem ein Algorithmus eingesetzt, der den Ton von Äußerungen in den sozialen Medien entschlüsselt.

In einem Gespräch mit dem Leiter des Dahlem Center for Machine Learning and Robotics, Raúl Rojas, sagte die Schriftstellerin Thea Dorn im November über die Ausformungen künstlicher Intelligenz: „Die menschliche Urteilskraft ist durch nichts zu ersetzen.“ Der Mensch sei imstande, abzuwägen und zu einem Urteil zu kommen, zu argumentieren und seine Entscheidung zu begründen, er kenne Scham- und Schuldgefühle und ein Gewissen – für eine Maschine undenkbar. Catrin Misselhorn hingegen hält es für durchaus vorstellbar, mithilfe maschinellen Lernens aus der Zusammensetzung verschiedener Erfahrungen eine Art Urteilskraft zu generieren. Gerade für die Maschinenethik, deren erklärtes Ziel es ist, Maschinen mit der Fähigkeit zum moralischen Handeln auszustatten, wäre das ein bedeutender Schritt.

Als „Uncanny Valley“ wird der Effekt bezeichnet, der sich einstellt, wenn eine Maschine einem Menschen zu sehr ähnelt.

Partner auf Augenhöhe kann künstliche Intelligenz nach Misselhorns Einschätzung jedoch erst dann sein, wenn sie ein phänomenales Bewusstsein aufweist. Das heißt, sie muss sich Emotionen vorstellen können und zur Selbstreflexion fähig sein. „Nicht zuletzt gehört auch die Fähigkeit, zu leiden, die Sterblichkeit und das Wissen darum dazu“, sagt Misselhorn.

Doch Systeme wie „Replika“ erkennen zwar Motive und Gesprächsmuster wieder, wissen aber nicht, was sie tun. Es fehlt die Intuition, das Fingerspitzengefühl. Wer will schon jemanden zum Freund haben, der zuhört, aber nicht versteht? Vor allem, wenn dieser Freund eine Bedrohung der Humanität darstellen könnte? Dieses Gefühl jedenfalls kommt auf, wenn das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Maschine zur Disposition steht.

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