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Twitter ohne Kühnert : @KuehniKev ist ausgestiegen

Kevin Kühnert in Berlin - ein Mann verschwindet aus dem Internet Bild: dpa

Der Generalsekretär der SPD hat sich bei Twitter abgemeldet. Er beklagt Blasen und schlechte Diskussionskultur. Aber muss nicht einer wie er den Strukturwandel der Öffentlichkeit aushalten?

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          Bei Twitter hatte Kevin Kühnert, der Generalsekretär der SPD, den Kampf- und Nutzernamen @KuehniKev – und solange er noch Vorsitzender der Jusos war (so sagt es jedenfalls die Erinnerung, die man jetzt, da er sich abgemeldet hat, nicht mehr überprüfen kann), hatte Kühnert zu allen möglichen Phänomenen alle möglichen Meinungen. Was ein Vergnügen gerade für jene Nutzer sein konnte, die anderer Meinung waren: Weil man bei Twitter nicht erst einen Termin in der Bürgersprechstunde brauchte, da­mit man Kühnert widersprechen durfte. Und weil, mit ein paar intelligenten, originellen und schnellen anderen Nutzern, manchmal das Spiel von Spruch und Widerspruch sehr schön in Schwung kommen konnte.

          Jetzt ist Kühnert ausgestiegen, nachdem er schon lange stiller geworden war. Im Videointerview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland hat Kühnert zur Begründung gesagt, dass die Gesellschaft dort nicht repräsentiert sei; dass diese Nichtrepräsentation zu Irrtümern und Fehlschlüssen führe; und dass die Diskussionskultur ihm auch nicht passe. Der wahre Grund, so liest man jetzt bei Twitter, sei allerdings der Umstand, dass er die harte Kritik und manche Beschimpfungen für ein anderes Interview, in dem er ein bisschen viel Verständnis für Putin und nicht so viel für die Ukraine gezeigt hatte, nicht mehr ha­be lesen wollen in seiner sogenannten Time­line.

          Dass Twitter existiert, scheint also einigermaßen sicher zu sein. Dass man aber jedem misstrauen sollte, der allgemeine Aussagen zur Kultur, zur politischen Stimmung und zur emotionalen Temperatur des Mediums macht, liegt an der Struktur von Twitter, so wie alle Warnungen vor den Gefahren des Netzwerks immer eine Spur von Paranoia zu enthalten scheinen: weil sie einen virtuellen Ort beschreiben, zu dem schon der nächste Twitter-Nutzer keinen Zugang mehr hat. Die Blase, die Kühnert beklagt, hat er selbst geschaffen. Die miese Diskussionskultur hat er sich selbst ins Haus geholt. Wem nämlich einer folgt, wessen Posts für ihn also sichtbar werden, entscheidet ja jeder für sich.

          So hat jeder sein eigenes Twitter und ist für den Geist und die Kultur, denen er sich dort ausgesetzt sieht, selbst verantwortlich. Wer an Meinungen nicht interessiert ist, folgt Nachrichten- oder Wissenschaftsseiten. Wem es unter Gleichgesinnten zu öde ist, kann hier besser als anderswo politische Gegner und kulturelle Rivalen beobachten. Wer poetisch ge­stimmt ist, folgt den Dichtern, die, dank der Beschränkung auf 280 Zeichen, zum Aphorismus geradezu ge­zwun­gen sind.

          Ja, es stimmt, wenn man seine eigenen Posts offen hält, steht in den Kommentaren auch dummes Zeug von Leuten, die sich nicht benehmen können. Und die man trotzdem, da hat Kühnert recht, nicht mit der Stimme des Volks verwechseln darf. Auch wenn die selbst das so sehen. Aber wer von diesem Strukturwandel der Öffentlichkeit überfordert ist, sollte nicht unbedingt in der Politik etwas werden wollen.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

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