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Kermani als Bundespräsident? : Muslim und moderner Patriot

Navid Kermani bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Oktober 2015. Bild: dpa

Der Schriftsteller Navid Kermani wird als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt. Appeasement? Im Gegenteil. Ein Denker wie dieser könnte das sein, was Deutschland braucht.

          Wir waren Papst. Deutschland sucht den Superstar. Und demnächst brauchen wir einen neuen Bundespräsidenten. Spielen wir also mit beim großen Kandidatenspiel, aber ernsthaft. Man könnte sonst auf den Gedanken kommen, die wichtigste Aufgabe des Neuen bestünde darin, nicht unangenehm aufzufallen. Dass sich eine blasse Kandidatin, ein blasser Kandidat am Ende durchsetzen könnte, ist eine reale Möglichkeit, seit CDU und SPD wieder gegeneinander Wahlkampf führen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Das Anforderungsprofil des Nachfolgers, den die Bundesversammlung am 12. Februar 2017 wählt, sollte dagegen von anderer Art sein. Nicht nur, weil der kantige Joachim Gauck so eindringliche Reden gehalten hat. Sondern auch, weil Deutschland vor der größten Herausforderung seit 1945 steht. Migrationsdebatte, Absturzangst, identitäres Palaver. Syrien-Krieg und Sinnkrise der EU, verschärft durch den Brexit. Erosion der Volksparteien. Aufstieg der ideologischen Vereinfacher diesseits und jenseits des Atlantiks. Die Liste wäre zu verlängern. Wohin treibt unser Land? Lässt sich da etwas steuern? Müsste man nur „die Sorgen ernst nehmen“? Wenn ja, wie? Oder braucht es einen neuen „Ruck“, zu dem ein Bundespräsident aufrufen könnte? Instinktiv würden die meisten Deutschen wohl sagen, dass die symbolische Bedeutung des höchsten Amts im Staat heute wichtiger ist als früher. Vielleicht sogar, dass es schade wäre, den Job einem profilarmen Kompromisskandidaten zu geben. Und sie hätten recht.

          Politik und Religion vereint

          Vor diesem Hintergrund wäre Navid Kermani für die Gauck-Nachfolge ein Name, über den man nachdenken sollte. Zugegeben, ein Außenseiter und Mann von draußen. Doch jung ist der Kölner Schriftsteller, Journalist und Islam-Gelehrter, geboren 1967, nur nach Jahren. Die ersten seiner vielbeachteten Essays in dieser Zeitung veröffentlichte er im Sommer 1995. Und die lange Liste seiner Bücher, seiner Auszeichnungen, seiner oft bewegenden, im besten Sinn eingreifenden Reden spricht für sich. Viele könnten sich nun daran stoßen, dass Kermani Muslim ist. Aber er muss nicht als Aushängeschild für ein verträumt multikulturelles Deutschland herhalten, dessen Klischeehaftigkeit er selbst kritisiert, sondern stünde im Gegenteil für die beste deutsche Tradition gesellschaftlichen Engagements – nicht obwohl, sondern eben weil er politisches und religiöses Denken vereint wie niemand sonst.

          Als Wissenschaftler hat der Sohn iranischer Eltern, die 1959 nach Deutschland kamen, viel über seinen Glauben publiziert. In seinen Reden und Essays wird allerdings klar, dass der Autor nicht so sehr theologisch, sondern poetisch, philosophisch und politisch argumentiert. Wir lernten ihn in den neunziger Jahren und lange vor den traumatischen September-Attentaten von 2001 kennen, als Schüler des ägyptischen Koran-Gelehrten Nasr Hamid Abu Zaid, der in seiner Heimat wegen weltlicher Koran-Auslegung als Apostat verfolgt wurde. Seitdem hat Kermani das Problem in nahezu jedem seiner Artikel ausbuchstabiert: dass zu unterscheiden sei zwischen dem Islam als Glauben und dem Islamismus als von Kuweit und Saudi-Arabien finanzierter Eroberungsideologie. Jenen liebt, erforscht und beschreibt Kermani mit einer Bildkraft, die in einem Essay mit dem Titel „Gott ist schön“ (so heißt seine Dissertation) einen Höhepunkt fand. Den aggressiven Islamismus dagegen entlarvt und bekämpft er ohne jede Ambivalenz.

          Es ist kein Zufall, verdient aber besondere Erwähnung, dass mit Kermani Religionsfragen wieder Einzug in deutsche Feuilleton-Debatten gehalten haben, und zwar auf einem Niveau oberhalb routinierter Tabuverletzungen durch Künstler (und des anschließenden Protests einer gekränkten Kirche). Damit befindet er sich nicht „auf der Höhe der Zeit“, sondern setzt ihr selbst die Markierung. Ihm geht es um den Glauben an sich, um Dogmen, die Interpretation religiöser Symbole, das Wesen spiritueller Ekstase – und immer wieder um das Politische in der Religion.

          Mut und Sanftmut

          Damit geschah etwas in der westdeutschen Gesellschaft völlig Unübliches: Ein in Siegen und Köln aufgewachsener Muslim, vermutlich mit politischen Neigungen zwischen Grün und SPD, vermochte Aufmerksamkeit für Spiritualität zu wecken und ihr wieder einen Platz im öffentlichen Gespräch zu verschaffen. So geschehen mit seinen Betrachtungen christlicher Malerei in dem Bestseller „Ungläubiges Staunen“ (2015), aber auch in seiner Ablehnung des christlichen Kreuzsymbols, womit er 2009 im Zusammenhang mit einer Preisverleihung eine der nützlichsten Diskussionen der letzten Jahre heraufbeschwor. Das hinderte Kermani nicht daran, 2015 in seiner Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an das Schicksal der verfolgten christlichen Minderheit in Syrien zu erinnern. Am vergangenen Wochenende erst traf er jenen damals noch vom IS gefangengehaltenen Priester, an dessen Schicksal er in der Rede erinnert hatte. Kermani ist das Gegenteil eines ideologischen Grabenkämpfers; er steht für eine weitgefasste globale Ökumene, die das Beste der Weltreligionen einschließt und sie für die friedliche Zukunft der Gesellschaften in die Pflicht nimmt.

          Auf einen Nachfolger für ihn scheinen sich die Parteien der großen Koalition noch nicht geeinigt zu haben: Bundespräsident Joachim Gauck.

          Der kommende Bundespräsident dürfe nicht streiten, ließe sich einwenden; er müsse einigen und alle Deutschen repräsentieren. Das stimmt. Aber mutig sein darf er schon. Vorangehen mit Fragen, die Ressentiment umleiten in produktive Debatte. Dafür braucht es nicht unbedingt einen, der den deutschen und den iranischen Pass hat wie Kermani, wohl aber jemanden, der mit allen reden kann. Wer könnte das besser als ein Journalist, der Krisengebiete bereist und ständig entscheiden muss, wem er vertrauen kann und wem nicht? Interessant an Kermanis intellektueller Persönlichkeit ist gerade die Sanftmut, die mit unerschütterlichem Glauben an das vernunftgelenkte Gespräch einhergeht. So zäh er in der Sache argumentiert, so höflich und versöhnlich bleibt er als Mensch. Mehr: Seine iranische Großzügigkeit wirkt entwaffnend. Als Kermani bei der Antrittsvorlesung seiner Frankfurter Poetikdozentur 2010 daran erinnerte, dass in diesem Raum, an diesem Pult auch Adorno gelehrt habe, bekannte er sich auf ungewöhnliche Weise als dessen Schüler: „Ich habe es nur innerweltlich Respekt genannt, um niemanden zu verstören, aber tatsächlich meinte ich Ehrfurcht. Möge seine Seele froh sein.“

          Theorie und Anschauung sind bei diesem Kopf nicht zu trennen. Über den zentralen Konflikt unserer Zeit weiß Kermani einfach mehr als die anderen, weil er ein großartiger Reporter geblieben ist – neugierig, offen und schwer zu ermüden. Seit Jahrzehnten bereist er die islamische Welt und erzählt davon in Büchern wie „Ausnahmezustand“. Sollten wir nicht vermuten, dass so ein Mann auch in einem politischen Amt ein Plus mitbrächte, mehr und bessere Ideen hätte, um auf seine Weise zu wirken? Seit den Silvestervorkommnissen von Köln geistert das Schreckbild der „jungen arabischen Männer“ umher. In Kermanis langer Flüchtlingsreportage „Einbruch der Wirklichkeit“, die genau von den Monaten davor berichtet, steht dieser Satz: „Indem es alle Flüchtlinge in die Schlauchboote und auf tagelange Fußmärsche zwingt, betreibt das europäische Asylrecht ungewollt eine Auslese der körperlich Starken und übrigens auch der Bedürfnislosen, also der Armen, die an bürgerlichen Komfort ohnehin nicht gewöhnt sind.“ Die implizite Aufforderung an uns lautet: Fangt etwas mit diesem Befund an!

          Einer wie er entzieht sich nicht

          Einer, der es immer schon gewusst hat? Ja, aber auch einer, der sich dem Konflikt nicht entzieht, sondern Verantwortung übernimmt. Der sich selbst als Patrioten bezeichnen würde, wenn das Wort ohne Missverständnisse benutzbar wäre. Auf einer Gedenkveranstaltung für die ermordeten Redakteure von „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 in Köln appellierte Kermani an die Muslime, seine „Geschwister im Glauben“, und rief ihnen zu: „Es reicht nicht zu sagen, dass die Gewalt nichts mit dem Islam zu tun habe. In dem Augenblick, da sich Terroristen auf den Islam berufen, hat der Terror auch etwas mit dem Islam zu tun. Wir müssen die Auseinandersetzung mit der Lehre suchen, die heute weltweit Menschen gegeneinander aufhetzt und Andersgläubige ermordet oder erniedrigt.“ So spricht ein Mann, der auch als Gläubiger Denker bleibt, der um das Relative kultureller und religiöser Identitäten weiß und dieses Wissen zum Kern seiner Aufklärungsidee macht.

          Reicht das? Wir wissen es nicht. Aber es wäre ein anderes Modell, ein zuverlässiger Spiegel der neuen deutschen Wirklichkeit. Bisher hat Navid Kermani auf Fragen nach seinen politischen Ambitionen eher ausweichend geantwortet, aber man darf unterstellen, dass er bereit wäre. Sigmar Gabriel sah in ihm früh den Wunschkandidaten der Linken, und Kontakte gibt es nach wie vor. Kermani weiß ebenfalls, dass ein solches Amt viel Verzicht bedeuten würde: auf Buchveröffentlichungen, Reportagereisen, Lesungen und Vorträge, auf vieles, was dem Ego eines erfolgreichen Autors schmeichelt. Und doch würde er es tun. Einer wie Navid Kermani entzieht sich nicht.

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