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Keine Smart City in Toronto : Google-Stadt ist abgebrannt

Die Bauarbeiten sind Phantasie geblieben: Animation der Sidwalk-Lab-Pläne für Toronto. Bild: Picture Plane Ltd.

Als Modell der Zukunft angepriesen, jetzt einfach abgesagt: Die digitale Smart City von Toronto wird nicht gebaut werden. Das Debakel dürfte die Diskussion darüber befeuern, was wirklich smart ist.

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          Es könnte sein, dass der 8. Mai 2020 in die Geschichte der Stadt und der Digitalmoderne als bedeutendes Datum eingeht. An diesem Tag verkündete Dan Doctoroff, Chef von „Sidewalk Labs“, sein größtes Projekt aufzugeben – den Bau einer „Smart City“ in Toronto, die zeigen sollte, wie die Zukunft der Stadt aussieht. Sidewalk ist nicht irgendein Unternehmen, sondern die Städtebau-Abteilung des Google-Mutterkonzerns Alphabet. Seit Jahren schon wollte er eine Idealstadt des digitalen Zeitalters bauen, in der Häuser, Geräte und Fahrzeuge „smart“, also miteinander vernetzt wären. Es sollte keine Unfälle mehr geben, weil Roboterautos und smarte Fahrräder einander erkennen, und auch keine Überfälle mehr, weil jeder Bürger getrackt werden kann.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Man ging davon aus, dass Alphabet diese Test-Stadt in Nevada in der Wüste errichten würde. Dann kam die Überraschung: Die Zukunftsstadt, verkündete Alphabet 2017, werde mitten in eine bestehende Metropole hineingebaut; Toronto stellte ein 76 Hektar großes, citynahes Industrieareal am Lake Ontario zur Verfügung. Insgesamt 1,3 Milliarden Dollar wollte Alphabet investieren und gründete etliche Start-ups: für intelligenten Holzbau, für robotisierte Haushaltsgeräte und unterirdische Müllentsorgung, für Krankenversicherungen, deren Tarife sich nach den Daten der Nutzer richten würde, für die Entwicklung von Sensoren. An dieser Stelle begannen die Probleme. Schnell wurde klar, dass es hier nicht nur darum ging, weniger Ressourcen zu verbrauchen und Arbeit und Wohnen neu zusammenzubringen – sondern auch darum, „bestehende Konzepte der Sozialpolitik und der politischen Führung komplett neu zu erfinden“ und, so Sidewalk-Chef Daniel L. Doctoroff, ein „datengetriebenes Management zu testen“. Das war eine erstaunlich offene Kriegserklärung an denjenigen, der bisher Sozialpolitik machte: den Staat.

          Firmen wie Google erkannten früh, dass allein damit, aus den alten Städten alles herauszureißen, was „ineffizient“ aussah, mit dem Bau der Städte und ihrer technologischen Ausrüstung Milliarden zu verdienen wären. Die Auswertung der dort generierten Daten könnte sich als ökonomisches Perpetuum mobile herausstellen. Wer Doctoroffs Biographie kennt, konnte wissen, worauf man sich einließ: Der 1958 geborene Sohn eines ehemaligen FBI-Agenten war zunächst als Investmentbanker für Lehman Brothers und als Private-Equity-Manager tätig; als Michael Bloomberg Bürgermeister von New York wurde, holte er Doctoroff, zu dessen Aufgabe es gehörte, 12 Millionen Quadratmeter neue Büro- und Wohnflächen zu schaffen.

          Keine Scheu vor der Systemkollision

          Als Politiker verkleidet und mit dem Versprechen, die Stadt grüner und sicherer zu machen, verwandelten die Unternehmer New York in ein Unternehmen und bauten die Stadt so um, dass sie noch mehr Geld abwerfen, noch mehr Touristen anziehen, noch mehr Daten generieren konnte. Nach seinem Ausflug in die Politik wurde Doctoroff Gründer von Bloomberg Government – einem Unternehmen, das „datengesteuerte Entscheidungstools“ für Regierungen bereitstellt. Mit diesem Wissen ging er 2015 zu Google – und gewann Toronto für seine Ideen. Damit war der vielleicht größte Bruch in der Geschichte der modernen Stadt eingeleitet, ihre digitale Refeudalisierung; öffentliche Leistungen wie Krankenversicherungen oder der Unterricht der Kinder wurden privatisiert, jedes Ding, jeder Sensor tauschte sich über die Bewohner aus. Aber wem sollten die von den Bewohnern der Quayside generierten Daten gehören? Alphabet? Den Bürgern? Nicht nur linke Datenschützer gingen auf die Barrikaden. „Unabhängig davon, was Google anbietet, kann sich der Wert unmöglich dem Wert annähern, den die Stadt aufgibt“, schrieb der bekannte Risikokapitalgeber Roger McNamee. Jim Balsillie, Mitbegründer des Blackberry-Herstellers Research in Motion, nannte das Projekt „ein kolonialistisches Überwachungskapitalismus-Experiment“.

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