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Koran-Auslegung : Von Zwang steht da nirgends etwas

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Im Koran findet sich keine Aussage, die eine juristische Maßnahme gegen diejenigen vorsieht, die den Islam verlassen, um einen anderen Glauben oder gar keinen Glauben anzunehmen. Bild: Picture-Alliance

Wer dem Koran Argumente für Intoleranz und Krieg entnehmen will, wird fündig – wenn er sich plump an den Buchstaben hält und den historischen Kontext vergisst. Man sollte ihn nicht als Buch, sondern als Diskurs lesen. Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Wenn es um den Islam geht, ist der maßgebliche Text der Koran. Sein Kontext besteht darin, welche Erfahrungen Mohammed im Zeitraum in den Jahren von 610 bis 632 nach Christus machte, was währenddessen geschah und aus welchen Elementen die arabische Kultur schöpfte, seien sie geographischer, politischer, historischer, kultureller, religiöser, moralischer oder wirtschaftlicher Art. All die Zusammenhänge haben ihren Anteil an der Entstehung der Koranverse.

          Wenn wir also über Religionsfreiheit sprechen, dann stehen wir vor der logischen Notwendigkeit, ihren historischen Zusammenhang in unsere Lektüre und Interpretation miteinzubeziehen. Wenn wir jeden Vers so, das heißt: in seinem eigenen Kontext und in seinem existentiellen Bezugsrahmen lesen, können wir auch das Ziel des Wortes nachvollziehen. Lesen wir den Koran aber mit der Unmethode der Buchstabentreue, dann beginnen wir, dem Text unsere eigenen Absichten aufzuzwingen. Das hat zur Folge, dass wir Gott, dem Urheber des Wortes, nicht gerecht werden. Daher bin ich der Meinung, dass die Methode, den Koran nicht wie ein Buch, sondern wie einen Diskurs zu lesen, die richtige ist.

          Der Kontext ihrer Zeit

          Leider stößt sie nicht auf das Interesse bei muslimischen Intellektuellen. Ich plädiere dennoch für einen Paradigmenwechsel, der uns prinzipiell nicht neu ist. Es gab ihn, in Ansätzen, schon in der islamischen Tradition: Kalif Omar hielt es nicht für vernünftig, Koranverse mit sozialpolitischem oder sozialwirtschaftlichem Inhalt eins zu eins auf den Kontext ihrer Zeit anzuwenden. Dieser Ansatz spiegelt sich in seiner Koranrezeption wider. Wir sollten daran anknüpfen.

          Im Koran stoßen wir auf zahlreiche Themenfelder, die auf unterschiedliche und diskursive Art das Leben der Menschen betreffen: auf religiöse und moralische, rechtliche und wirtschaftliche, strategische und taktische, politische und militärische, sozialpsychologische und kulturelle Art. Das heißt, dass Religion und damit auch Religionsfreiheit lediglich ein Teilgebiet in der Fülle des Korans sind und als solches auch betrachtet werden müssen. Das hat zur Folge, dass man eine religiöse und eine politische Tatsache nicht als eine Kategorie behandeln kann. Sie sind unterschiedlichen Charakters. Täten wir dies, konstruierten wir eine Identität zweier unterschiedlicher Realitätsbereiche, was eine Verwechslung dieser Bereiche bedeutete.

          Versgruppen politischen und religiösen Inhalts

          Es können weder die Ziele von Glauben und Politik noch die Mittel, die der Glaube und die Politik einsetzen, als identisch gesehen werden. Beim Glauben steht die freie Entscheidung des Individuums im Vordergrund, in der Politik tun dies die Interessen der Instanzen, beispielsweise der Gesellschaft, der Nation oder des Staates. Wenn wir demnach im Koran eine Versgruppe politischen Inhalts lesen und dabei eine Versgruppe religiösen Inhalts herauszulesen versuchen, dann verwechseln wir grundlegende existentielle Kategorien miteinander.

          Aus diesem Koranverständnis ergeben sich Überlegungen in Bezug auf die Religionsfreiheit im Koran in Form von sechs Thesen. Erstens: Der Glaube ist eine Tatsache der Innerlichkeit. Dieser Grundsatz ist rational und philosophisch nicht widerlegbar. Folglich ist Zwang in der Religion nicht statthaft. Durch Zwang können Entscheidungen und Entschlüsse der Menschen in ihrem Inneren gar nicht geändert werden. Menschen können zwar zur Aussprache irgend eines Glaubensbekenntnisses gebracht werden; doch damit ist noch kein Glaube verwirklicht, denn die innere Entscheidung dazu fehlt. Zwang führt zu Scheinheiligkeit. Das arabische Wort „munafiq“ bezeichnet diejenigen, die sich verbal zum islamischen Glauben bekennen, doch in Wahrheit, nämlich im Inneren, gar nicht glauben. Munafiq, also ein religiöser Heuchler zu sein, ist eine der Haltungen, die im Koran am häufigsten kritisiert werden.

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