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Koran-Auslegung : Von Zwang steht da nirgends etwas

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Der rechte Weg

Der Koran spricht lediglich von einer Bestrafung der Abtrünnigen im Jenseits: „Wer dem Gesandten zuwiderhandelt, nachdem die Rechtleitung ihm klargeworden war, und einem anderen Weg folgt als dem der Gläubigen, den lassen wir sich dorthin wenden, wohin er sich gewendet hat, und lassen ihn in der Hölle brennen: Welch schlimmes Schicksal!“ (Sure 4,115) Und: „Siehe, die glauben, dann aber ungläubig werden und wieder glauben und wieder ungläubig werden, denen kann Gott nicht vergeben und sie nicht auf den rechten Weg leiten.“ (Sure 4,137)

Sechstens: Im Koran haben Beziehungen zu andersreligiösen Gruppen einen theologischen und einen sozialpolitischen Aspekt. Der Koran steht anderen Religionen und Weltanschauungen kritisch gegenüber, da er, theologisch gesehen, einen absoluten Wahrheitsanspruch erhebt. Solchen Annahmen, die Muslimen und Angehörigen anderer Religionen gemeinsam sind, auch theologischer Art, stimmt er dagegen völlig zu; doch ruft er die Angehörigen anderer Religionen, besonders die der Buchreligionen wie Christentum und Judentum, dazu auf, seine Wahrheit anzuerkennen. Diese theologische Haltung gegenüber den anderen religiösen Gruppen ist jedoch kein Anlass zu gewalttätigem Konflikt. Es handelt sich dabei lediglich um rational geführte Diskussionen aufgrund des Wahrheitsanspruchs.

Im Willen Gottes begründet

Der Koran führt die Existenz unterschiedlicher Religionen auf von Gott geschaffene Gesetze zurück und ruft die Angehörigen aller Glaubenstraditionen zu einem Wettbewerb auf, der schließlich der Menschheit von Nutzen sein und zugutekommen soll. Parallel zu seinem Wahrheitsanspruch begründet er also die Daseinsberechtigung der soziologisch und historisch fortbestehenden Religionen im Willen Gottes und lässt, theologisch gesehen, eine offene Tür für die Wahrheitsansprüche anderer Glaubenssysteme, den Polytheismus ausgenommen.

Auf der anderen Seite enthält der Koran auch Verse, die von Konflikten mit anderen Glaubensgemeinschaften handeln. Das sind Verse politischen Inhalts, die uns von den politischen Konflikten jener Zeit erzählen. Der Grund, weshalb diese Verse Teil des Korans geworden sind, liegt bei Mohammed selbst. Er ist in Medina nicht nur Prophet Gottes, sondern auch Staatsvorsitzender. Diese Verse sollten zu einer krisengeschüttelten Zeit als eine für ihn herabgesandte Unterstützung Gottes an Wissen und Strategie gelesen werden. Hier findet eine Verschiebung von Theologie hin zur Politik statt. Es ist eine Zeit, in der religiöse Gruppen mit anderen als politische und soziale Entitäten zusammengerieten. Dass diese Gruppen auf ihre Religion bezogene Namen trugen, zeigt keinesfalls, dass es sich dabei um rein religiöse Gemeinschaften handelt. Dass Koranverse, die mitten im Kriegsgeschehen herabgesandt wurden, einen kämpferischen Charakter besitzen, ist da nur logisch. Die Existenz politischer Autoritäten machte von Zeit zu Zeit kriegerische Auseinandersetzungen offenbar unvermeidlich. Das ist eine menschliche Tatsache. Im späteren Verlauf fanden die Kriege zwischen politischen Gruppen und Staaten statt, wie es auch heute der Fall ist. Gründe dafür liegen in Herrschafts- und in Interessenskonflikten.

Auch Mohammed und seinen Gefährten ging es in Medinensischer Zeit nicht anders. Die prozesshafte Entstehung von Religion durch Menschenhand bringt das Potential von Kontroversen jeglicher Art mit sich. Auch die junge muslimische Glaubensgemeinschaft, die damals um ihr Dasein kämpfte und sich unter den dort herrschenden Verhältnissen um ein Leben in Sicherheit bemühte, hatte ein Recht auf politischen Kampf. Und Koranauszüge zeigen uns, dass Mohammed, während er dieses Recht in Anspruch nahm, von Gott mit Weisheit und Wissen unterstützt wurde. Sie beziehen sich auf die konfliktreiche Zeit der Geschichte des siebten Jahrhunderts. Diese Verse wie Verse religiösen Inhalts zu lesen wäre fatal. Es gibt somit keinen Grund dafür, diese Verse, die im Kontext akuter Kriegsgeschehen offenbart wurden, als Befehle zum Angriff auf die Religionsfreiheit zu lesen. Laut Koran als einer Quelle muslimischer Theologie lassen sich keine Anhaltspunkte finden, die der Religionsfreiheit entgegenstehen.

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