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Koran-Auslegung : Von Zwang steht da nirgends etwas

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Nicht zum Glauben zwingen

Hinzu kommt, dass Zwang einer Missachtung der Menschenwürde, ja, einem Angriff auf sie gleichkommt. Der Koran nennt die unabdingbare Notwendigkeit, dass der Glaube ein innerer Zustand ist, und gibt dementsprechend Mohammed die Anweisung, dass er sein Gegenüber nicht zum Glauben zwingen dürfe, wenn es ihn ablehnt: „Siehe, auf dich sandten wir das Buch herab, für die Menschen, mit der Wahrheit. Wer sich führen lässt, tut es zu seinem Gunste, und wer vom Weg abweicht, tut es zu seinem Schaden. Du bist nicht verantwortlich für sie.“ (Sure 39,41) Und: „Hätte dein Herr gewollt, so würden alle auf Erden gläubig werden, insgesamt. Willst du die Menschen etwa zwingen, dass sie gläubig werden?“ (Sure 10,99) Schließlich: „Kein Zwang ist in der Religion. Der rechte Weg ist klargeworden gegenüber dem Irrweg. Wer nicht an die Götzen glaubt, sondern an Gott, der hat den stärksten Halt ergriffen, der nicht reißt. Gott ist hörend, wissend.“ (Sure 2,256)

Ein Vers, der die Ungültigkeit einer erzwungenen Abschwörung des Glaubens betont, befindet sich in der Sure An-Nahl: „Wer nicht mehr an Gott glaubt, nachdem er gläubig war – außer, wer gezwungen wurde, jedoch im Herzen weiter gläubig ist –, wer aber seine Brust dem Unglauben öffnet, über den kommt Gottes Zorn, und den erwartet eine harte Strafe.“ (Sure 16,106) Die Verantwortung zu glauben ist im Koran also der freien Entscheidung des Menschen überlassen. Wer will, glaubt an die Botschaft Mohammeds; wer nicht will, glaubt nicht daran oder glaubt an eine andere Religion. Zwei Verse diesbezüglich lauten: „Sprich: ‚Die Wahrheit kommt von eurem Herrn. Wer will, der glaube, und wer da will, der bleibe ohne Glauben!‘“ (Sure 18,29) und „Sprich: ‚Gehorcht Gott, und gehorcht dem Gesandten! Wenn ihr euch abwendet, dann obliegt ihm, was ihm aufgebürdet ist, und obliegt euch, was euch aufgebürdet ist. Dem Gesandten ist nichts anderes aufgetragen als die klare Botschaft.‘“ (Sure 24,54)

Individuelle Verantwortung

Diese Verse besagen, dass Kultur und Tradition nicht dafür instrumentalisiert werden können, sich von der individuellen Verantwortung zum Glauben befreit zu sehen; dazu gehört auch der Wechsel des Glaubens. Verantwortung äußert sich in den Entscheidungen des Individuums.

Drittens: Religiöser Pluralismus ist das Gesetz des gesellschaftlichen Lebens beziehungsweise der Geschichte. Der Koran hebt hervor, dass die Menschen auf der Erde keine homogene Gesellschaft bilden, die an eine einzige Religion glaubt und eine einzige Weltanschauung ihr Eigen nennt. Verschiedenartigkeit ist gottgewollt! Sie rührt vom Dasein des Menschen her, von seiner existentiellen Wahrheit: „Hätte Gott gewollt, er hätte euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht – doch wollte er euch mit dem prüfen, was er euch gab. Wetteifert darum um das Gute! Euer aller Rückkehr ist zu Gott, er wird euch dann kundtun, worin ihr immer wieder uneins wart.“ (Sure 5,48)

Keine Aussagen über juristische Maßnahmen

Viertens: Es gibt Freiheit bei der Wahl des Glaubens. Der ausdrucksstärkste Vers ist: „Siehe, wir leiten ihn auf den Weg, ob dankbar oder undankbar.“ (Sure 76,3) Dazu: „‚Es sind doch augenfällige Beweise zu euch gekommen von eurem Herrn. Wer sieht, tut es zu seinem Wohl, und wer blind bleibt, tut es zu seinem Schaden. Ich bin nicht Hüter über euch.‘“ (Sure 6,104)

Fünftens: Im Koran finden wir keine Aussage, die eine juristische Maßnahme gegen diejenigen vorsieht, die den Islam verlassen, um einen anderen Glauben oder gar keinen Glauben anzunehmen. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Abtrünnigen etwa getötet oder gefangen gesetzt werden sollen. Die unterschiedlichen Meinungen in der Scharia, dem islamischen Recht, bezüglich der Todesstrafe stützen sich nicht auf Koranverse, sondern auf „Hadithe“, uns bis heute überlieferte Worte Mohammeds.

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