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Wittenberger „Judensau“ : Dieses Urteil ist kein Freispruch

Das Sandsteinrelief der „Judensau“ an der Stadtkirche in Wittenberg Bild: EPA

Die Spottplastik der „Judensau“ darf an der Wittenberger Stadtkirche hängen bleiben. Weil es auf den Kontext solch infamer Darstellungen ankommt, muss das jüngste Urteil dazu in verschiedene Richtungen gelesen werden.

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          Michael Düllmann, Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, war persönlich zur Verhandlung des Oberlandesgerichts Naumburg gekommen, um die Wittenberger Schmähskulptur aus der, wie er meinte, historischen und denkmalpflegerischen Abstraktion zu reißen. „Die Judensau tituliert mich als Saujuden“, erklärte er, das Lutherische „für mich“ gegen die evangelische Stadtkirche von Wittenberg wendend, in welcher Luther gepredigt hatte und an deren Außenseite jenes Sandsteinrelief aus dem dreizehnten Jahrhundert hängt, auf dessen Entfernung Düllmann schließlich klagte, weil dieses Relief ihn persönlich beleidige. Es zeigt das mittelalterliche, in etlichen deutschen Städten, aber auch in Belgien, Frankreich, Schweden oder der Schweiz auffindbare Bildmotiv der „Judensau“, das in seiner Wittenberger Variante von der Zeitung „Jüdische Allgemeine“ wie folgt beschrieben wird: „Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz und in den After. Schweine gelten im Judentum als unrein. Mit solchen Darstellungen sollten Juden im Mittelalter unter anderem davon abgeschreckt werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen. Solche Spottplastiken finden sich an mehreren Dutzend weiteren Kirchen in Deutschland.“

          Stätte der Mahnung

          Soll man derartige, die Niedertracht gegen das Judentum obszön ins Werk setzende Skulpturen heute beseitigen oder sie genau gegenteilig als Zeitzeugnisse dokumentieren und also dort sichtbar lassen, wo das Ärgernis seinen Entstehungsort, die Verantwortlichkeit ihr Subjekt hat? Darum wird seit Jahrzehnten unter Historikern, Denkmalpflegern und Theologen gerungen, man behilft sich vielfach mit kommentierenden, die geschichtlichen Zusammenhänge erläuternden Tafeln, so bislang auch in Wittenberg, wo eine Bodenplatte und eine Stele als „Stätte der Mahnung“ (Stadtkirchenpfarrer Johannes Block) um Einordnung bemüht sind. Bleibt indessen, wie der evangelische Landesbischof Friedrich Kramer meint, eine „Beleidigung eine Beleidigung, ob man sie kommentiert oder nicht“? Kann sich der Kläger Düllmann also zu Recht von dem Relief angegriffen fühlen? Nein, sagte nach dem Landgericht Dessau-Roßlau nun auch Volker Buchloh, Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht Naumburg. Die Kirchengemeinde habe das Relief ja in eine Gedenkkonzeption eingebettet und damit erkennbar seinen Kontext verändert. Wenn aber jede Beleidigung auch kontextunabhängig eine Beleidigung bliebe, wie dies der Landesbischof denkt, dann „wäre auch die von Düllmann vorgeschlagene Präsentation des Reliefs in einem Museum unzulässig“.

          Eine scharfe Munition

          Ein schlüssiges Argument, das freilich in verschiedene Richtungen zu lesen ist. Nicht die „Judensau“ ist gestern freigesprochen worden, sondern ihre heutige konkrete Präsentation in Wittenberg. Der Kontext gibt den Ausschlag. Eben deshalb kann die Verwendung dieses unseligen Motivs in anderen Fällen den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen. Das Naumburger Urteil wiegelt nichts ab. Es ist, besonnen gelesen, eine scharfe Munition im Kampf gegen ästhetische Verbrämungen des Antisemitismus, wo immer sie sich heute zeigen und als solche – im Konkreten – überführbar sind.

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