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Der Glockenturm der Lawra, des ältesten Klosters in Kiew. Bild: Katja Petrowskaja

Kolumne „Bild der Woche" : Ein Amulett für den ukrainischen Widerstand

  • -Aktualisiert am

Die Schriftstellerin Katja Petrowskaja wurde in Kiew geboren. Ein Foto des ältesten Klosters der Stadt ist für sie im Krieg zur Ikone geworden. Ihre Mutter versteckt sich jetzt im Keller vor den Bomben – dort hat sie eine Video-Botschaft an die russischen Mütter aufgenommen.

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          Jeden Tag denke ich, dass es alles nicht wahr sein kann, jeden Tag geht es weiter. Meine Heimatstadt ist unter Beschuss, und die Horde kommt und kommt, wie Heuschrecken, wie die Pest. Der Krieg nimmt eine mythologische Dimension an. Es war noch nie so klar, was gut und was böse ist. Gegen diesen unbegreiflichen Krieg ist Russland nicht aufgestanden. Nur einzelne Stimmen. Oder noch nicht? Ich schreibe, und mir fehlt der Atem, ich weiß nicht, was von dem, was ich heute sehe, noch stehen wird. Noch leben wird.

          Erst wollte ich hier das Foto meiner Mutter aus dem Keller publizieren. Wie sie da sitzt und auf uns schaut. Von einer Frau fotografiert, die vor fast acht Jahren aus der Donezker Region geflüchtet ist. Sie sitzt neben ihr im Keller. So etwas könnte sofort auf dem Cover von „Newsweek“ landen.

          Ich konnte es nicht machen. Zu intim? Aus Respekt? Mutter sagte: „Ich habe mein Leben unter Bomben angefangen und beende mein Leben unter den Bomben.“ So ganz einfach, nebenbei, nur eine Beobachtung. Sie ist Historikerin. Sie sitzt da und liest das Buch von Janusz Korczak, „König Mateusz“. Man sagt, der Krieg habe kein weibliches Gesicht.

          Was ist das Bild des Krieges? Ein zerstörter Platz der Freiheit in Charkiw? Oder eine Frau, die das Kind im Keller entbunden hat? Obdachlose, die Molotow-Cocktails vorbereiten? Menschen, die Fenster mit Papierstreifen bekleben? Eine Rakete, die Babyn Jar trifft? Flüchtlinge an den Grenzen, zerstörte Häuser, halb leere Städte. Die ganze Welt engagiert sich. Meine Tochter sieht ein zerbombtes Haus in den Nachrichten und meint, es sehe genauso aus wie unser Haus in Berlin, in das nun die ersten Freunde aus der Ukraine einziehen.

          Ich halte dieses zufällige Bild aus meinem iPhone für eine Ikone, für ein Amulett gegen all die Zerstörung, als Bestandteil des ukrainischen Widerstands. Ich sehe meine Stadt im dokumentarischen Schwarz-Weiß, ich kann das Geschehen nicht fokussieren. Alles in meinem Kopf ist genau – und unfassbar in der Realität. Ich fotografiere die Lawra, das älteste Kloster Kiews, viel zu oft, wie verzaubert, wie in einem Ritual. Ein historisches Dokument meiner ungeschickten Liebe, die U-Bahn, mein Weg zur Schule.

          Ich habe viele Schwarz-Weiß-Bilder von Kiew aus dem Zweiten Weltkrieg. Auch von einem deutschen Soldaten, der auf diesem Glockenturm steht und in die Ferne schaut. Mehr als eine Million Menschen fahren diesen Weg in die Stadt jeden Tag und sehen das Kloster. Ich weigere mich, in der Vergangenheitsform zu sprechen.

          Ich weigere mich, mir die Stadt wie eine militärische Karte vorzustellen, obwohl ich genau weiß, vor welchem Haus meiner Freunde die dreißig Kilometer lange Kolonne russischer schwerer Technik am nächsten steht. Ich halte dieses Bild vor mich wie ein Schild des flüchtigen Lebens in der ewigen Stadt.

          800.000 Menschen haben bereits das Land verlassen. Es ist nur ein Fünfzigstel der Bevölkerung. Viele meiner Freunde sind in Kiew geblieben und lassen keinen Gedanken darüber zu, die Stadt zu verlassen. Es herrscht ein unausgesprochenes Verständnis zwischen Fliehenden und Bleibenden. Als ich die schlechten militärischen Pro­gnosen höre, rufe ich eine Freundin an, ich sage nur „Sasha“, und sie schaltet das Video an, zeigt mir ihre Jungs, und alle lachen.

          Sie kennen die Prognosen, aber es ist unanständig von mir, ihre Entscheidung infrage zu stellen. Sie sind die Festung, sie sind fröhlich und konzentriert, sie arbeiten am Frieden und trösten uns, wenn unsere Kräfte und Hoffnungen brechen. Es wird fest daran geglaubt, dass, wenn sie nur dableiben, auch die Stadt bleiben wird. Niemand sagt das laut. Ich glaube auch daran, aber ich bin in Sicherheit.

          Dann überfallen mich wieder Horrorvorstellungen. Ich kann nur kurze Sätze aussprechen. Ich kann kaum schreiben, mir scheint es viel sinnvoller, zurück zu meiner Menschenkette zu kehren: zu Hunderttausenden anderen, die alles versuchen, dass möglichst vielen geholfen wird, dass möglichst wenige sterben. Schutzwesten, Medikamente, Feldbetten, Funkgeräte. Alle sind an der Arbeit, denn Frieden ist eine handgemachte Sache. Dann ruft mich meine Mutter an. Sie hat eine Ansprache an die russischen Mütter aufgenommen.

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