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Kinderbuchpreis nicht vergeben : Nicht katholisch genug?

„Soll ich mich jetzt schlecht fühlen?“: Illustration von Anna Gusella aus Elisabeth Steinkellners Jugendbuch „Papierklavier“. Bild: 2020 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz, Weinheim/Basel

Elisabeth Steinkellners „Papierklavier“ sollte den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis erhalten, die Bischöfe verhinderten das. Ein Fall von Kanzelkultur?

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          Was aus uns wird, wenn wir gestorben sind, fragt die siebenjährige Heidi ihre Schwester Maia. Der Sechzehnjährigen liegt auf der Zunge: „Ich schätze, wir sind ein Festmahl für allerhand Tiere und Bakterien.“ Was sie aber nicht sagt. Statt dessen hört sie Heidi zu, wie die sich das jenseitige Dasein der gerade gestorbenen Nachbarin vorstellt – unsichtbar Schabernack treibend, mit dem Fahrrad nach New York fahrend und dergleichen mehr.

          Eine Szene aus Elisabeth Steinkellners Buch „Papierklavier“, erschienen im vergangenen Jahr bei Beltz & Gelberg als ein fiktives Tagebuch jener Maia, die mit ihrem Körper ebenso hadert wie mit dem Dasein als eine von drei Töchtern einer alleinerziehenden, überarbeiteten Mutter. Weil Maia bei all dem aber nicht verzweifelt, sondern eine Momentaufnahme ihres Lebens gibt, die erhellend, klar und ziemlich witzig ist, hat das Buch Fürsprecher gefunden – auch in der zehnköpfigen Jury des seit 1979 verliehenen Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises, deren Vorsitz der Trierer Weihbischof Robert Brahm innehat. Wie der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet, sollte der Preis in diesem Jahr an Elisabeth Steinkellner gehen.

          Bischöfe gegen Jury

          Nur dass der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz die Entscheidung nicht bestätigen wollte, weil, so ihr Sprecher Matthias Kopp, „das vorgeschlagene Preisbuch nicht den Kriterien der Statuten des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises entspricht“. Was das heißen soll, wird mit Blick auf die Statuten nicht klarer. Ausgezeichnet werden etwa Werke, die eine „transzendente und damit religiöse Dimension“ erkennen lassen, was in den letzten Jahren eher undogmatisch ausgelegt worden ist – die Preisträgerliste, auf der sich unter anderem Susan Kreller, Andreas Steinhöfel oder Stian Hole finden, profitierte davon in hohem Maß, nachdem in den frühen Jahren des Preises eher erbauliche und wenig kontroverse Werke ausgezeichnet worden waren.

          „Die Jury fällt ihre Entscheidungen unabhängig“, heißt es in den Statuten weiter, allerdings wird das Ergebnis der Beratungen „dem Ständigen Rat der Deutschen Bischofskonferenz zum Beschluss vorgelegt. Die dort getroffene Entscheidung ist endgültig.“ Was genau in diesem Gremium am „Papierklavier“ ein derartiges Missfallen erregte, ist unbekannt. War es Maias kluge und tapfere Freundin Carla, laut Geburtsurkunde Engelbert Krahvogel? Oder dass Maia eine Botschaft an eine Freundin mit den Worten „Amen, so ist es und so soll es sein“ beschließt, worauf die Freundin entrüstet „Urbi et orbi“ erwidert, die eine kirchliche Formel zur Abwehr gegen die andere setzend? Ist es vielleicht zu viel der Transzendenz, wenn eines nachts der Tod auf der Couch sitzt, Whiskey trinkend und fette Zigarren rauchend?

          Die Jury jedenfalls mochte sich nach der Ablehnung ihrer Entscheidung auf kein neues Preisbuch einigen. Vielleicht, weil sie denjenigen, für die sie Bücher empfiehlt, etwas näher ist als der Rat, der ihr auf die Finger schaut.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

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